H. N., London, Ende September

LondonsJasper-Affäre hat sich noch immer nicht voll entfaltet. Viele Dinge bleiben weiterhin im dunkeln, und bevor das Ergebnis der nun auch vom Handelsminister betriebenen Untersuchungen vorliegt, weiß niemand ganz genau, was eigentlich vor sich gegangen ist.

Sollten sich die ärgsten Befürchtungen bestätigen, dann steht die City inmitten ihres größten Nachkriegsskandals. Selbst im besten Falle wird sie an Prestige stark eingebüßt haben, das auch die angekündigten überfälligen legislativen Reformen nicht im Handumdrehen werden wiederherstellen können. Denn wenn auch Hoffnung besteht, daß die Anteilseigner der in diesen Krach verwickelten Unternehmen nicht zu größerem Schaden kommen, so wurden doch Praktiken aufgedeckt, die das Vertrauen in die Integrität der um den privaten Investor bemühten Institutionen ernsthaft erschüttern. Und natürlich lassen die Wahlstrategen der Labour-Partei nichts unversucht, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Es begann damit, daß vor zwei Wochen an der Börse gerüchtweise erzählt wurde, der während der letzten drei Jahre als Übernahmespezialist bekannt und groß gewordene Harry Oscar Jasper sei bei der finanziellen Abwicklung seiner beiden jüngsten Coups, dem mit zusammen 8 1/4 Millionen £ zu beziffernden Aufkauf von Lintang Investments Ltd. und der Ely-Brauerei, in Schwierigkeiten geraten. Jasper ließ nach einigem Zögern dazu verlauten, er habe die Lintang-Aktionäre tatsächlich nur zu etwa 95 v. H., nämlich mit 6 3/4 Mill. £, auszahlen können und die mit 1,2 Mill. £ abzufindenden Ely-Aktionäre vertrösten müssen, da sein Klient nicht die notwendigen weiteren Mittel bereitgestellt habe: beide Übernahmeangebote seien nicht von ihm selbst für Rechnung der Jasper-Gruppe, sondern von dem den 600 Jasper-Unternehmen als Direktor vorstehenden Friedrich Grünwald gemacht worden, der sich kurz vor Fälligwerden seiner privaten Verpflichtungen nach Israel abgesetzt habe.

Die an der Londoner Börse notierten 16 Gesellschaften des vornehmlich im Immobilien-Investment tätigen Jasper-Empire – bei den restlichen handelt es sich um „Papier“-Gründungen für die Zwecke einer leichteren Mittelbeschaffung? – fielen daraufhin im Marktwert von 18 auf 12 Mill. £, bis der Börsenrat mit der Suspendierung des Handels einsprang. Jasper wurde veranlaßt, eine Wirtschaftsprüferfirma mit der inzwischen zugleich vom Handelsministerium betriebenen Untersuchung seiner Organisation zu beauftragen.

Tags darauf, am Mittwoch vergangener Woche, wurde dann auch einigermaßen klar, woher die Mittel stammen, mit denen Jasper innerhalb von drei Jahren seine Multimillionen-Gruppe aufgebaut hat. Die State Building Society, eine der größten britischen Hypothekenbanken, gab bekannt, daß sie den Grundstücksbesitz der Jasper-Gesellschaften mit 3,9 Mill. £ beliehen und vor zwei Monaten ihren Anwälten weitere 3 1/4 Millionen £ für gleiche Verwendung in Tochterfirmen von Lintang Investments Ltd überwiesen habe. Seniorpartner der Anwaltsfirma, Harewood & Co, ist jener den Jasper-Unternehmen als Direktor vorstehende Friedrich Grunwald, der in dieser seiner Anwaltseigenschaft für die merchant bankers H. Jasper & Co. das Übernahmeangebot auf Lintang Investments und die Ely-Brauerei arrangierte, wobei H. Jasper & Co. wiederum als Agent des Privatkunden Grünwald fungierten.

Über den Verbleib dieser 3 1/4 Mill. £ ist bislang nichts bekannt. Vermutlich sind sie entgegen ihrer Bestimmung von Grünwald zur Abfindung der Lintang-Aktionäre verwendet worden. Weitere 1 1/2 Mill. £ hat Grün wald von einem Mr. Maxwell Joseph, einem im Hotelbereich tätigen Financier, als persönliches Darlehen gegen Verpfändung eines Teiles jener Lintang-Anteile erhalten, die er dem Lintang-Mehrheitsaktionär Joseph (und Konsorten, darunter der Londoner Bürgermeister) unmittelbar zuvor für 3 1/2 Millionen £ abgekauft hatte.