Ein neues Stück von Jean-Paul Sartre

Nachdem man das Publikum am Montag (technischer Defekt) und Dienstag (Krankheit des Hauptdarstellers) wieder nach Hause geschickt hatte, hob sich am Mittwoch (23. Sept.) der Vorhang über Sartres neuem Stück "Les Séquestrés d’Altona" – zu deutsch etwa "Die Gefangenen von Altona". Sartre hat zwei Jahre lang daran geschrieben.

"Die Gefangenen von Altona" sind die Herren von Gerlach, eine reiche Hamburger Industriellen-Familie. Von neuem blüht die deutsche Wirtschaft, mit ihr blüht auch das Gerlachsche Schiffbauunternehmen. Das kränkelnde Oberhaupt der Familie, der Vater (Kaiserbart und Hindenburg-Physiognomie), schickt sich an, sein Testament zu machen. Aber in dem Gerlach-Staate ist etwas faul. Franz, der Älteste, der Kronprinz, weigert sich, mitzuspielen, den Vater, sobald er tot ist, in Ehren zu begraben und die Firma zu übernehmen.

Gesund und ordensgeschmückt ist er dem Debakel von 1945 entronnen – aber nach Hause gekommen ist eigentlich nur sein Kadaver. Er weigert sich, die persönliche Verantwortung für Kriegstaten oder -untaten anzuerkennen. Nach Sartres Worten: "Gefangen in dem Widerspruch zwischen seiner protestantischen Erziehung und seiner Vergangenheit, versucht er sich einzureden, daß Deutschland für immer erledigt sei. Ein neuer Aufschwung Deutschlands entzöge seinen Handlungen alle Rechtfertigung, weil er sie auf die Stufe von gemeinen Verbrechen stellte. Daher sein Entschluß, sich oben in seinem Zimmer einzuschließen, die Fenster zu vermauern und jede Beziehung zur Außenwelt abzubrechen."

Vierzehn Jahre lang haust Franz dort oben, isoliert von der Welt, in Leutnantsuniform, Monokel im Auge. Als einzige bekommt ihn seine Schwester Leni zu Gesicht: sie bringt ihm das Essen hinauf und schläft manchmal bei ihm. Im übrigen tobt er sich durch häufiges Hackenzusammenschlagen und bedeutungsvolle Ansprachen an die Zimmerdecke gehörig aus.

Der Schwägerin gelingt es, ihn schließlich doch aus seinem Versteck hervorzulocken, als der Vater ihn noch einmal zu sehen wünscht. Aber auch dieses Gespräch führt zu keinem Ergebnis. Franz kann nicht mehr in die Welt zurückkehren. Auf einer Fahrt an die Elbe, zu der ihn der Vater einlädt, begeht Franz Selbstmord.

Sartre nennt Franz von Gerlach ein psychologisches Phänomen. Doch ist er nicht eher ein Sonderfall, seine Geschichte die Geschichte einer Krankheit, hat er das Format einer tragischen Figur?

Im übrigen engagiert sich Sartre immer noch. In diesem Stück attackiert er den neudeutschen Kapitalismus, wenn auch nur zwischen den Zeilen. "Diese Menschensorte (gemeint sind die Industrie-Giganten) vermag sich nicht zu verjüngen. Sie sind in der Auflösung begriffen, bei ihnen herrscht Götterdämmerung."

Sechs Vorhänge für diesen neuen Sartre. Der Autor war nicht zu erblicken. Dagegen sah man Gabriel Marcel, Arthur Adamov, Jean-Louis Barrault, Françoise Sagan, Edgar Faure und Orson Welles im Parkett des Pariser Théâtre de la Renaissance.

Die Diskussion hat in den Zeitungen bereits vor der Uraufführung eingesetzt. Dabei ging es weniger um das französische Verhältnis zu dem östlichen Nachbarn als um die Frage, die auch Sartre selber zum Hauptthema des Stückes erklärt hat: um den Gewissenskonflikt des Soldaten, der sich scheut, zu seinen Taten zu stehen. Ob es ihm gelungen ist, den aktuellen Gegenstand zum Mythos zu erhöhen – wie er es von seiner eigenen Dramaturgie verlangt – oder ob dies die Konstruktion eines klinischen Falles geblieben ist, der höchstens ein paar Argumente für Abendunterhaltungen liefert, werden die deutschen Aufführungen zeigen. Wolfgang