Nikita Kolumbus, frisch von der Entdeckung Amerikas zurück, hat sich eilends in Nikita Marco Polo verwandelt: Kaum 24 Stunden nach seiner Rückkehr aus Washington flog der sowjetische Ministerpräsident am Dienstag weiter nach Peking, wo Mao Tse-tung das zehnjährige Bestehen der Volksrepublik China feiern läßt. In der Hauptstadt des roten Mandarins; steht dem roten Zaren jetzt jene Aufgabe bevor, der sich Präsident Eisenhower mit seiner Europareise schon vor Chruschtschows Eintreffen unterzogen hatte – die Aufgabe nämlich, seine Vorstellungen mit denen der Verbündeten in Einklang zu bringen.

Daß Mao ein recht unbequemer Verbündeter ist, hat Chruschtschow in den vergangenen zwölf Monaten mehrmals erfahren. Vor einem Jahr verbaute Peking dem Herrn des Kremls den Weg zum Gipfel, dann brach es die Krisen von Quemoy und Tibet vom Zaun. Schließlich provozierte es Indien und schürte in Laos im selben Augenblick eine Krise, da der Sowjetpremier seine Amerikareise antreten wollte. Und als Chruschtschow in den Vereinigten Staaten lautstark sein "Seid nett zueinander" verkündete, schrieb die Pekinger Volkszeitung: "Die Weltfriedenskräfte sollten scharfe Wachsamkeit üben und unermüdlich kämpfen, um die aggressiven Handlungen der Vereinigten Staaten aufzudecken und zu konterkarieren."

Gewiß, vor den Vereinten Nationen hat der sowjetische Regierungschef erneut für die Aufnahme Rotchinas in die Weltorganisation plädiert. Auch hat die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur Tass zum zehnten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China in bestimmtem Ton erklärt: "Ohne die Beteiligung Volkschinas kann es keine dauerhafte und verläßliche Lösung der großen Weltprobleme geben." Dennoch deutet vieles darauf hin, daß Chruschtschow nicht gewillt ist, sein Ausgleichswerk auf der amerikanisch-sowjetischen Szene von seinem Pekinger Bündnispartner gefährden zu lassen.

Sein Appell an Indien und China, sich wieder zu vertragen, war vor einigen Wochen das erste Anzeichen. Inzwischen ist auch in Laos der Kampflärm verstummt, und manche Beobachter fragen sich, ob das auf einen Wink aus Moskau hin geschehen sei. Schließlich aber hat sich Chruschtschow im Gespräch mit Eisenhower bereit erklärt, in Peking das Thema jener fünf Amerikaner, anzuschneiden, die noch immer in Rotchina festgehalten werden. Schon werden in Washington Stimmen laut, dies könne vielleicht der Auftakt zu einer sowjetischen Vermittlungsaktion zwischen China und den Vereinigten Staaten werden.

Mao Tse-tung tritt seinem Moskauer Partner diese Woche in geschwächter Kondition gegenüber. Das Wirtschaftsprogramm der "Losungs-Utopisten" – die Mao anführt – hat zu einem Fiasko auf breiter Front geführt. Die "Pragmatisten" unter Führung Tschu En-lais, dem Moskau seit Beginn des Jahres manche Gunst erwiesen hat, drängen wieder nach vorn. Wird Chruschtschow ihnen sein weltpolitisches Programm eher verkaufen können als Mao Tse-tung?

Tschu En-lai ist derselbe Mann, der Ende 1956 in Kambodscha erklärt hatte, das Problem der amerikanischen Gefangenen sei durchaus zu lösen; im übrigen sei die Zeit reif für eine chinesisch-amerikanische Annäherung. "Dulles hat freilich etwas gegen mich", sagte er damals. "Aber unsere Nachfolger werden zusammenkommen."

In Amerika heißt der Nachfolger Archibald Herter, in Volkschina heißt er Tschen Ji. Eine Bedingung für die Annäherung wäre also erfüllt... Theo Sommer