Spannung in Tunis – Algerier, die "Preußen" des Magreb – Ein Gespräch mit Ferhat Abbas

Von Heinz Stuckmann

Tunis, Ende September

Über dem Golf von Tunis liegt die Dämmerung. Durch das Tor des Vierstern-Restaurants Dar Zarruck in Sidi-Bou-Said, am höchsten und äußersten Punkt des Golfes, fahren die Wagen der Diplomaten, Regierungsbeamten und Journalisten aus dem 20 Kilometer entfernten Tunis. Der tunesische Minister für Information, Mohamed Masmudi, hat zu einer Cocktailparty eingeladen.

Ein Kollege, der seit Monaten die Geschehnisse an Ort und Stelle verfolgt, sagt mir: "Die Tunesier – auch natürlich die Marokkaner – sehen einem Sieg Algeriens mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Sie freuen sich einerseits über den Sieg der gemeinsamen afrikanischen Sache. Aber andererseits wissen sie genau und fürchten es ein wenig: Algerien wird die führende Rolle in Nordafrika spielen. Nicht umsonst nennt man die Algerier die Preußen des Magreb."

Seit jenem 16. September, da de Gaulle seinen Algerienplan verkündete, ist das Problem Algerien in Tunis Thema Nr. 1 in den Ministerien und Büros, in den Restaurants und Cafés gewesen. Aber offiziell war nicht mehr zu hören als der immer wiederkehrende Satz: "Die algerische Regierung wird zu gegebener Stunde ihre Meinung sagen." Inoffiziell sagten einem die algerischen Politiker auch, daß die Magrebs sich über das algerische Problem völlig einig seien, und daß die Antwort der algerischen Exilregierung mit Tunesien und Marokko abgestimmt würde.

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