an., Kothen

Heidi Hannemann und Manfred Schrepel, beides Mitglieder des Pionierrats der Schloßschule in Köthen, tragen seit Beginn des Schuljahrs neue Würden: sie sind zu Sportorganisatoren – auf deutsch: zu Vorturnern – avanciert.

Als sie am 1. September zusammen mit ihren Schulfreundinnen und -freunden zum erstenmal nach den großen Ferien wieder in das Schulhaus kamen, ahnten sie noch nichts von der bevorstehenden Beförderung. Nach der vierten Stunde klingelte es zur großen Pause. Auf dem Schulhof scharte sich die Klasse 7a um die Sportlehrerin. SED-Genossin Hilde Neukirchen klärte die 13jährigen über die Ehre auf, die ihnen zuteil wurde: Sie sollten als erste Klasse der Schule „Pausengymnastik“ treiben.

„Wie nicht anders erwartet, gab es freudige Zustimmung bei den Pionieren. Klar, sie würden alle mitmachen!“, hieß es in einem Bericht über ihre Reaktion. So bauten sie sich denn, unter Staunen und Spott der umstehenden anderen Klassen, auf dem Schulhof auf. Zehn Minuten dehnte, streckte und beugte sich die 7a.

Am nächsten Tage ging es in einer „Aktivtagung der Pionierleiter“ mit den „Gruppenratsmitgliedern“ – bei uns heißen sie Klassensprecher – an die erste „Auswertung“ dieser mitteldeutschen Imitation rotchinesischer Vorbilder. Pionierleiterin Brigitte Mindner berichtete:

„Wir verlasen einen Aufruf mit dem Hauptpunkt ,Pausengymnastik‘ und den Brief, den Walter Ulbricht an das Pionierlager in Bad Schmiedeberg geschrieben hat, als ihm von dort über die gymnastischen Vorbereitungen für das Leipziger Turnfest berichtet worden war. Da gab es natürlich nur eine Meinung: die ganze Schule muß ran an die Pausengymnastik! Denn welcher Pionier läßt sich zweimal auffordern, wenn Walter Ulbricht sagt, jeder solle fleißig Sport treiben und es so machen wie er selbst. So ist es denn beschlossene Sache, daß wir schnellstens für alle die Pausengymnastik einführen.“

Walter Ulbricht schrieb einen Brief; seine Agitationsspezialisten ersannen die Losung „Jedermann an jedem Ort – jede Woche einmal Sport“, Sportlehrerin Neukirchen gab das Beispiel – und nun treten also jeden Tag die Schüler der Köthener Schloßschule (und gleich ihnen Zehntausende von Kindern an den anderen Schulen der DDR) nach der vierten Stunde zum gemeinsamen zehnminütigen „Kampf gegen Haltungsschäden und Ermüdungserscheinungen“ an.