Das Paradoxe an dem Demonstrationszug der 60 000 Bergarbeiter, die am Samstag per Schiff, per Bahn und per Autobus aus dem Revier in die Bundeshauptstadt importiert worden waren, bestand darin, daß er „ins Leere stieß“. Beschlossen worden war der Protestmarsch durch die Bonner Straßen als Höhepunkt des Aktionsplans der IG Bergbau bereits vor Wochen – damals, als die einzige Antwort auf die Kohlenkrise sowohl in Essen als auch in Bonn sich noch in allgemeinem Schweigen erschöpfte. Die Demonstrationszüge der Bergarbeiter in den Städten des Kohlenreviers waren noch Ausdruck ehrlicher Unruhe und Besorgnis der Zechenbelegschaften, die damals in der Tat noch nicht wußten, ob ihnen geholfen würde. Das aber haben sie seither erfahren. Die Bergarbeiter wissen, daß die erlittenen Härten rückwirkend weitgehend ausgeglichen und die noch bevorstehenden Schwierigkeiten durch umfangreiche sozialpolitische Maßnahmen von ihnen abgewendet werden.

Bezeichnenderweise hat sich die IG Bergbau selbst die Frage vorgelegt, warum man unter diesen Umständen überhaupt noch nach Bonn marschieren müsse. Der Hinweis des Gewerkschaftsvorsitzenden Heinrich Gutermuth, daß es schon einmal eine Dolchstoßlegende gegeben habe, ist eine recht überraschende Begründung für die Marschkolonnen der 60 000 mit schwarzen Fahnen und dumpfem Trommelwirbel. Die Bonner Aktion war Demonstration und kein Protest mehr! Sie konnte nicht abgeblasen, sondern mußte durchgeführt werden, weil sich die Gewerkschaftsführung – so betonte Gutermuth in seiner Pressekonferenz – nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, daß sie „den letzten Schritt nicht mehr getan“ habe.

Damit rücken also gewerkschaftspolitische Erwägungen in den Vordergrund; denn das ebenfalls vorgebrachte Argument, daß die angekündigten Sozialmaßnahmen für die von der Krise betroffenen Bergarbeiter vorerst noch Wirsprechen seien, deren Einlösung aussteht, tat im gegenwärtigen Zeitpunkt – mag die Bergarbeiterschaft im vorigen Jahre durch ein Kanzlerversprechen tatsächlich enttäuscht worden sein – seine Glaubwürdigkeit verloren.

Daß die IG Bergbau nicht mehr gegen die notwendigen Stillegungen im Ruhrbergbau protestiert, hat ihr Vorsitzender erneut bestätigt: „Wir sind uns vollkommen klar darüber, daß wir uns im Bergbau kleiner setzen müssen“, betonte Heinrich Gutermuth. Der Unternehmensverband Ruhrbergbau hat inzwischen auch zugesagt, die Namen der Zechen, die „auf der Abschußliste stehen“, noch in dieser Woche zu nennen, damit die unnötige Abwanderung von anderen Schachtanlagen aufhören kann. Das ist erfreulich, denn nach den Unterlagen der Bergarbeitergewerkschaft gehören 87 v. H. der im letzten Jahr aus dem Bergbau ausgeschiedenen Untertagearbeiter den Jahrgängen unter 30 Jahren an. Auch diese berechtigte Sorge der Gewerkschaftsführung dürfte also demnächst der Vergangenheit angehören. Als dann noch das Bonner Hilfsprogramm, dem in der vergangenen Woche auch die Hohe Behörde der Montan-Union zugestimmt hat, eingehend unter die Lupe genommen wurde, blieb dem Boß der auf die Straße befohlenen Bergarbeiter nichts weiter übrig, als es ohne Einschränkungen (und vor allem ohne weitere Zusätze!) zu akzeptieren.

Auch der Härteausgleich, die rückwirkende Vergütung für die seit Beginn der Kohlenkrise im Februar vorigen Jahres eingelegten Feierschichten, wird, wie Gutermuth selbst hervorhob, eine befriedigende Regelung erfahren. Die Bundesregierung ist offenbar bereit, es nicht bei den ursprünglich dafür vorgesehenen 50 Mill. DM, mit denen eine Vergütung ab 10. Feierschicht geplant war, zu belassen, sondern die Mittel auf 75 Mill. DM zu erhöhen. Damit könnte dann ein Ausgleich von der 4. Feierschicht ab seit Februar 1958 gezahlt werden.

Die Sicherheitsgarantien für die von der Strukturkrise betroffenen Bergarbeiter sind einmalig. Das erkennt die IG Bergbau an. Verärgert ist sie lediglich darüber, daß sie gekoppelt sind an die Heizölsteuer, an deren Erfolg die Gewerkschaft nicht glaubt. Aber das allein war kein Grund mehr, eine „zum Äußersten entschlossene Bergarbeiterschaft“ in der Bundeshauptstadt aufmarschieren zu lassen.

Es war denn auch in Bonn kein Zug der Verzweifelten; es war ein Zug der im großen und ganzen – mit Recht – Einverstandenen.

Ingrid Neumann