Großstädtisches Tempo 1959: 10 bis 38 Stundenkilometer Eine Verkehrsreportage von Heinz Stuckmann

Wie fließt der Verkehr in unseren Städten? Fließt er überhaupt noch? Wie wird er in acht, in zehn Jahren fließen? Werden wir doppelt oder dreimal soviel Personenkraftwagen haben? – Das sind die Fragen, die sich unser Reporter Heinz Stuckmann gestellt hat. Er hat eine Anzahl Städte in der Bundesrepublik besucht und hat mit den Verkehrsexperten gesprochen. Aus diesen Gesprächen und ihren Erkenntnissen ergab sich die heikle Frage, die in den nächsten Jahren Antwort heischt: „Werden wir 1967 noch Auto fahren können?“

Es war irgendwann im Sommer an einem Freitagnachmittag gegen 17 Uhr. Wir fuhren von Hamburg aus in die Heide, fuhren ins Wochenende. Vom Hauptbahnhof bis zur Autobahn-Auffahrt in Veddel brauchten wir etwa zwanzig Minuten. „Zwanzig Minuten für sechs Kilometer...“, klagte Alois, der mit mir fuhr. Ich meinte, es müßten sieben oder acht Kilometer gewesen sein.

Drei Wochen später – wieder an einem Freitagnachmittag, nur eine halbe Stunde später – habe ich genau aufgepaßt: Vom Hamburger Hauptbahnhof bis zum Beginn der Autobahn in Veddel sind es 4,5 Kilometer. Ich brauchte 21 Minuten dafür. Das ergibt einen Stundendurchschnitt von 12,8 Kilometern. Ein sehr mittelmäßiger Langstreckenläufer hätte es schneller geschafft – von einem Radfahrer gar nicht zu reden. Großstädtischer Verkehr 1959!

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Kürzlich wollte ich einen Eilbrief an den Postzug bringen. Von meiner Wohnung in Köln-Mülheim bis zum Kölner Hauptbahnhof sind es zehn Kilometer. Ich hatte noch genau 21 Minuten Zeit. Den Postzug erreichte ich trotzdem nicht mehr, obwohl die Straßen überall die städtische Höchstgeschwindigkeit erlauben, obwohl ich noch ein bißchen schneller fuhr, obwohl es Abend und deshalb ziemlich ruhig war. Aber es sind neun Verkehrsampeln auf der Strecke, und sieben zeigten „Rot“, als ich kam. So brauchte ich für zehn Kilometer etwas über 16 Minuten (also 38 km/st). Und vier Minuten mußte ich am Bahnhofsvorplatz im Kreise fahren, um eine freie Parkuhr zu finden oder vielmehr just in dem Moment an einer Parkuhr zu sein, da sie frei wurde. Denn im Eingang zur Gepäckabfertigung steht – etwas im Halbdunkel – der Bahnpolizist mit Kugelschreiber und Block bereit. Als Ortskundiger weiß man das. Wehe dem, der es nicht weiß.

Kölner Durchschnitt: 21,9 km/st