Der Zinstermin vom 1. Oktober hat schätzungsweise eine Milliarde DM zur Wiederanlage freigesetzt. Die Wirkung dieser Summe auf den Kapitalmarkt wird im allgemeinen überschätzt, denn üblicherweise wandert ein Teil der Zinserträge jeweils in den Konsum – sie versickern also – und zum anderen ist über die Beträge (besonders bei den Kapitalsammelstellen) meistens bereits vordisponiert worden, so daß sie für die Neuanlage unmittelbar nach dem Quartalswechsel nicht zur Verfügung stehen. Der Aktienmarkt wird überdies von einem Zinstermin schon deshalb wenig berührt, weil die Rentenanleger in den seltensten Fällen die Erträge aus den festverzinslichen Papieren zum Aktienkauf benutzen. Wenn es dennoch kurz vor dem Monatsultimo zu durchaus freundlichen Aktienkursen kam, dann lag es im wesentlichen an der stabileren Tendenz in Wall Street. Nach dem letzten Rückschlag hat sich in den deutschen Börsensälen noch keine Eigeninitiative wieder entwickelt.

Der Berufshandel hat in den letzten Tagen oftmals versucht, die Kurse wieder nach oben in Bewegung zu setzen. Er nahm jede halbwegs positive Wirtschaftsnachricht zum Anlaß, Käufe in der Hoffnung vorzunehmen, die Kundschaft würde aus ihrer Reserve herausgehen und mit echten Anlagekäufen eine festere Tendenz einleiten. Aber die noch weidlich verschnupfteKundschaftging auf dieses Spiel nicht ein. Um so weniger, als sie täglich feststellen kann, daß auch von Bankenseite jede Aufwärtsbewegung "sanft erstickt" wird.

Vieles spricht dafür, daß die Stellen, die sich für den Kapitalmarktverantwortlich fühlen, die Börse in einem ruhigen Fahrwasser halten wollen. Sie sehen es keinesfalls als Fehler an, wenn das anlegende Publikum zur Zeit erhebliche Beträge flüssig hält, d. h. nicht in Wertpapieren anlegt, jede massierte Nachfrage würde heute mit Sicherheit zu Kursen führen, die sich künftig nur schwer halten lassen. In den nächsten Monaten wird die Wirtschaft den Kapitalmarkt mehr als bisher beanspruchen. Wir stehen vor einer Welle von Aktienemissionen, die vermutlich erst im nächsten Jahr ihren Höhepunkt erreichen wird. Die jungen Aktien werden einen großen Teil der Sparquote aufsaugen, die nicht mehr – wie in der jüngsten Vergangenheit – eine der treibenden Hausse-Kräfte sein kann. Aber nicht nur die Wirtschaft drängt an den Kapitalmarkt, auch die öffentliche Hand, vor allem der Bund, wird sich mit Anleihen verschulden müssen, um die von den Parlamenten zu verantwortenden Ausgaben finanzieren zu können. Die seit dem Frühjahr angekündigte Bundesanleihe über 500 Mill. DM gilt zwar als verschoben, aber sie wird, wenn es nach dem Willen des Bundesfinanzministeriums geht, noch im nächsten Frühjahr zur Zeichnung aufgelegt werden. Nach Lage der Dinge wird ein erheblicher Teil der Bundesanleihe bei den Banken hängenbleiben, die dadurch in ihrer Aktivität auf dem Wertpapiermarkt eingeengt sind, jedenfalls vorübergehend.

Auf dem Aktienmarkt wird mit Spitzenkursen, wie sie durch eine Materialknappheit entstehen, künftig nicht mehr zu rechnen sein. Das soll nicht heißen, daß Sonderbewegungen generell unmöglich sind. Da anzunehmen ist, daß die Opposition bei der BASF die Neigung der Verwaltungen, hohe Bezugskurse bei Kapitalerhöhungen zu wählen, erheblich gedämpft hat, können junge Aktien wieder kursanregend sein. Besonders dann, wenn gleichzeitig mit der Kapitalerhöhung noch eine höhere Dividende angekündigt wird. Es gilt als sicher, daß eine Reihe von Aktiengesellschaften für 1959 ihre Ausschüttung aufstocken werden, so daß die Aktienrendite von der Dividende her besser als bisher untermauert wird. Die zu geringe Rendite für deutsche Spitzenwerte ist es letzten Endes auch gewesen, die zu den kursdrückenden Auslandverkäufen in den letzten Monaten geführt hat. So schrieb der Schweizerische Bankverein kürzlich seinen Kunden: "Die deutschen Aktien nehmen jetzt keine Sonderstellung mehr ein. Für sie gelten dieselben prinzipiellen Erwägungen, die z. B. beim Kauf schweizerischer oder amerikanischer Werte angestellt werden müssen. Diese haben auch wieder beim Erwerb deutscher Aktien Geltung!" Solche Sätze sind aber nicht nur für den schweizerischen Anleger zutreffend, sondern im gleichen Maße auch für die deutschen Aktiensparer, die sich mehr und mehr auf das internationale Parkett wagen.

Es spricht also vieles für eine lange Konsolidierungspause, die – wie gesagt – kurze Zwischenbewegungen nach unten und oben nicht ausschließt. Für eine Hausse besteht nur noch ein geringer Spielraum. Das gleiche gilt aber auch für eine langfristige Baisse-Tendenz. Sie ist in einer auf vollen Touren laufenden Wirtschaft kaum denkbar. Überbeanspruchungen des Kapitalmarktes, wie sie sicher in der nächsten Zeit mehr als einmal vorkommen werden, dürften die Aktienkurse Unter Druck halten. Aber doch nur für eine begrenzte Zeit. Nach den bisherigen Erfahrungen zahlen sich Investitionen für die Aktionäre gut aus, so daß sie vorübergehende Kursrückschläge ruhig in Kauf nehmen können. Niedrigere Aktienkurse bei steigenden Dividenden werden nämlich Renditen entstehen lassen, die auch für das Ausland wieder interessant sind. Das dann nach Deutschland einströmende Kapital wird das Bild der im laufenden Jahr passiven Zahlungsbilanz relativ schnell ändern und zu einer größeren Liquidität führen. Und das wäre dann wiederum der Anstoß zu einer neuen Aufwärtsbewegung der Aktienkurse... – Kurt Wendt