Bei den Regierungen der OEEC-Staaten konnte das „CEA“ (Comité Européen des Assurances), in dem die Spitzenverbände der Versicherungswirtschaft von 18 europäischen Staaten zusammengeschlossen sind, „mit einem seiner Vorschläge nicht durchdringen..., obwohl dieser dem wohlverstandenen Interesse aller Beteiligten Rechnung trägt“, wie Generaldirektor Labes (von der Kölnischen Rückversicherungsgesellschaft) auf dem CEA-Kongreß in Wiesbaden berichtete. Dieser Vorschlag betraf die Haftpflichtversicherung für Atomreaktorbesitzer. Nach Generaldirektor Labes hat sich „in der OEEC eine mit der Versicherungstechnik nicht zu vereinbarende Tendenz durchgesetzt, wonach die Haftung des Reaktorunternehmers pro Ereignis festgelegt werden soll, während die Versicherer die verlangten hohen Deckungen nur einmalig pro Anlage gewähren können“.

Auf einer Pressekonferenz gelang es, dieses Problem in einer auch dem Laien verstäncjlichen Sprache darzustellen: Die Versicherer meinen, jeder Atomreaktor dürfe nur einmal in die Luft fliegen oder „durchbrennen“; für ein zweites Mal könnten sie nicht aufkommen. Die staatlichen Aufsichtsbehörden dagegen erklären: versichert ist versichert; die Haftpflicht muß zahlen, auch wenn der Meiler noch so oft auseinanderfliegt. Darauf wiederum antworten die Versicherungsgesellschaften: wenn er schon hochgeht, wird er anschließend sowieso stillgelegt. Bis jemand ihn repariert und wieder in Gang setzt, kann längst eine neue Versicherung abgeschlossen sein – falls sich eine Gesellschaft findet, die dieses Risiko eingeht.

In diesem Punkte muß man wohl den Versicherern zustimmen. Indessen scheint die ganze Diskussion etwas verfrüht. Bisher gibt es zum Beispiel in der Bundesrepublik nur einen Reaktor (Geesthacht), für den Versicherungsprämien kassiert werden. Und bisher steht fest, daß der ganze Versicherungspool an den Rand des finanziellen Ruins gebracht würde, wenn überhaupt irgendwo irgendein Reaktor „radioaktiver“ würde als erlaubt ist. Das Atommeiler-Risiko paßt sich – vorläufig zum mindesten – nicht so recht in das auf dem „Gesetz der großen Zahl“ basierende Versicherungsprinzip ein. Darum hat das „CEA“ eine „Commission Permanente“ und ein „Studienzentrum“ gebildet, verschiedene Resolutionen gefaßt, in denen u. a. höhere (steuerfreie!) Rückstellungen gefordert werden, und sich dahin geeinigt, daß im Ernstfall „ein Einspringen des Staates nicht zu umgehen ist, was um so gerechtfertigten erscheint, als er bei Naturkatastrophen ohne weiteres den Opfern beistehen müßte“.

Woraus erhellt, wie viel schwerer es ist, einen Atommeiler zu versichern als die Beine der Marlene Dietrich oder den Busen der Marylin Monroe. In diesen Fällen soll übrigens auch nicht „pro Ereignis“, sondern „pro Anlage“ Versicherungsschutz gewährt worden sein... Heinrich David