Der Streit um die Minderheitenrechte in Südtirol ist ein Anachronismus aus der nationalistischen Ära, der im Zeitalter des europäischen Zusammenschlusses, so sollte man meinen, die Gemüter nicht mehr erregen dürfte. Weit gefehlt. Die beiden Kontrahenten Österreich und Italien lieferten sich letzte Woche ein Duell vor den Vereinten Nationen. Der österreichische Außenminister Kreisky kündigte vor der Vollversammlung an, Wien werde die Vereinten Nationen anrufen, wenn Italien der Provinz Bozen nicht die Autonomie gewähre. Sein römischer Kollege Pella antwortete in gewohnter Schärfe. Kreiskys Rede sei deplaciert. Südtirol sei ein innerstaatliches Problem, für das die UN nicht zuständig seien.

Das Land zwischen dem Brennerpaß und der Salurner Klause ist ein historischer Zankapfel. Bei der Bereinigung der napoleonischen Erbschaft auf (dem Wiener Kongreß war die deutschsprachige Provinz Bozen 1814 wieder dem Kaiserreich Österreich zugeschlagen worden. Dabei hatte Wien auch gleich die vorwiegend von Italienern bewohnte Provinz Trient mit einkassiert. An diesem „Raub“ entzündete sich die Leidenschaft der italienischen Patrioten. Im Frieden von St. Germain 1919 wurde ihnen endlich Genugtuung verschafft: Trient kehrte zurück, aber auch Bozen wurde zu Italien geschlagen.

Nun waren also wieder die Südtiroler und die Österreicher an der Reihe, die Ungerechtigkeit der Politik zu beklagen, um so mehr, als Mussolini in den zwanziger Jahren mit einer systematischen Italienisierung Südtirols begann. Nach dem zweiten Weltkrieg endlich schien die italienische Regierung zu einer maßvolleren Politik bereit. Im Abkommen zwischen Gruber und de Gasperi wurden 1946 den 220 000 Südtirolern „besondere Maßnahmen zum Schutze des Volkscharakters und der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung“ zugesichert. Um die Auslegung dieses Abkommens wird seit Februar letzten Jahres zwischen Wien und Rom verhandelt – bisher ohne Ergebnis.

Italien hat diesen Vertrag sehr weitherzig ausgelegt, die Italienisierung weiter vorangetrieben und damit den Verfechtern der Minderheitsrechte in Südtirol und Wien scharfe Munition geliefert. So überraschte es niemand, als der österreichische Außenminister Kreisky in der letzten Woche vor den Vereinten Nationen einen weithin haltenden Warnschuß abfeuerte. Daß sich die italienische Regierung – die auf die Unterstützung der nationalistischen Rechtsparteien angewiesen ist – dadurch zu einer maßvolleren Politik bewegen läßt, ist freilich kaum zu erwarten. R. Z.