Soeben hat Günter Eich seine neuen Gedichte ... erscheinen lassen. Es ist ermutigend, hier einmal die Malheurs vergessen zu können, die unserer gegenwärtigen Lyrik oft genug geschadet haben, und von Seite zu Seite ursprüngliche Dichtung festzustellen, eine Verskunst von eigenartiger Kühnheit, komprimiert und knapp ... Eich ist unmißverständlicher eingelassen in ein Jetzt und Hier, das jedoch zugleich – tief verwandlungsfähig – von den Entzückungen und Schaudern abgelebter Zeiten genährt wird. Das ist kein unverbindliches und virtuoses Spiel, sondern vielmehr Weltaussage, Ausdruck und – Abbild einer Wirklichkeit, die, mit einem „leicht zerstörbaren Gefühl der Nähe“ ausgestattet, von Eich spontan erkannt und lyrifiziert wird. Die Entzifferung solcher unsicher werdenden und sich verschleiernden Nähe, die Auslotung ihrer Abgründe und das Herstellen von Verbindungen ins Unauslotbare hinein werden zum Anliegen seines Gedichtes, das schließlich zu jenem Geheimniswesen wird, als das sich von jeher jeder bedeutendere Vers legitimiert hat.

Karl Krolow