hst. Düsseldorf

Als der wackere Westfalen-Bauer am Morgen des 30. Juni 1958 über seine Viehweide an der Autobahn Köln–Hannover ging, kam ihm seine Herde nicht ganz vollständig vor. Soviel er auch zählte, es waren zwei stattliche Rinder zuwenig auf der Wiese. Nach einigem Suchen fand er statt der schönen Tiere nur noch das von ihnen vor, was man die Innereien nennt. Dem Bauer blieb nichts anderes übrig, als den kläglichen Rest seiner Schwarzweißen zu begraben und der Polizei einen Schaden von 2 500 Mark zu melden.

Vor jenem Junitag hatten in der Bundesrepublik bereits 238 andere Bauern und einige Klosterbrüder ähnliche Erlebnisse gehabt: Eines Morgens fanden sie von einem oder mehreren Rindern auf ihrer Weide nur noch das vor, was ihnen kein Metzger mehr abkauft. Das passierte sowohl in Schleswig-Holstein wie in Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen wie in Nordrhein-Westfalen – vereinzelt auch in Hessen. Wo es auch immer geschah, jedesmal war eine Autobahn oder – in einigen Fällen – eine Bundesstraße in unmittelbarer Nähe der Weide. Daraus schloß die Kriminalpolizei, daß es sich hier um einen motorisierten Viehdieb handeln müsse.

Sechs Jahre wurde mit allen Mitteln der modernen Kriminalistik nach dem Mann – oder den Männern – gefahndet. Aber die Polizei würde vielleicht noch heute fahnden, wenn es dem Metzgergesellen Jürgen Roden nicht übel geworden wäre.

Dieser Jürgen Roden stand am 12. Juli 1958 mit einem Mercedes 300 auf einer Landstraße bei Bad Oeynhausen und hielt den Kopf zum Fenster heraus, denn ihm war es schlecht geworden. Ein Polizist verlangte die Papiere des sehr jungen Mannes mit dem sehr vornehmen Wagen aus Düsseldorf zu sehen. Die Papiere stimmten. Nur die Kraftfahrzeugsteuer war seit einigen Tagen überfällig. Der Polizist mahnte. Der junge Mann versprach sofortige Zahlung.

Der Polizist wollte nun gehen. Aber er sagte: „Kann ich mal in den Wagen sehen...“ Solche höfliche Bitten kann man ja einem Polizisten schlecht abschlagen. Der Polizist aber entdeckte in dem Wagen zwei Rinderviertel mit Fell. Und da die Düsseldorfer Metzger ihre Rinderviertel nicht in der Gegend von Bad Oeynhausen und schon gar nicht mit Fell kaufen, kam dem Polizisten die Sache verdächtig vor.

So endete bald danach die sechsjährige Polizeijagd nach Deutschlands größtem Viehdieb. Es war der Metzgermeister Albert Roden aus Düsseldorf, 49 Jahre alt und Vater des Jürgen Roden. Das rund vierhundertste Beutestück Vieh seiner Schlachtzüge konnte sichergestellt werden – teils im Wagen, teils auf einer Weide in der Nähe. Die anderen im Werte von rund 375 000 Mark waren den Weg aller Rindviecher gegangen: in den Topf oder die Pfanne der Hausfrauen, allerdings auf einem sehr direktem Wege.