Von Marion Gräfin Dönhoff

Bad Godesberg, im Oktober

Da meint man immer, wenn man tagtäglich die Presse anderer Länder studiere, – dann wisse man so ungefähr, was die Leute dort denken. Daß dies nicht so ohne weiteres zutrifft, das stellte sich wieder einmal heraus, als vorige Woche in Bad Godesberg Amerikaner und Deutsche vier Tage lang miteinander diskutierten.

Wer war worüber überrascht? Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, wird am ehesten deutlich, was in Godesberg vor sich ging und was bei dieser Diskussion herausgekommen ist, die mit Blick auf den Rhein im Hotel Dreesen stattfand. Wenn man von dem sichtbaren und hörbaren Erstaunen der Freunde von drüben über den "traffic" auf dem Rhein absieht (was da vor unseren Fenstern vorüberglitt, das erinnerte wirklich an den Verkehr auf der Autobahn im Ruhrgebiet) dann läßt sich folgendes feststellen.

Die Amerikaner, und es waren sehr Prominente unter ihnen: Trumans Außenminister, der Demokrat Dean Acheson (zu dessen Zeiten die NATO gegründet wurde), der republikanische frühere US-Hochkommissar in Deutschland McCloy, der erste US-Botschafter in Bonn Dr. James Conant, General a. D. Gavin, Professor Henry Kissinger, Hamilton Fish Armstrong, der Herausgeber von Foreign Affairs, Dr. Shepard Stone‚ Direktor der Ford Foundation und schließlich Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure – diese Amerikaner also waren verblüfft darüber:

1. daß den deutschen Gesprächspartnern die Wiedervereinigung wirklich wichtiger war als alles andere (sie hatten offenbar geglaubt, es handele sich bei den entsprechenden Deklarationen vor allem um Pathos, Taktik und Lippenbekenntnis);

2. daß alle Deutschen, auch die, die für ein Disengagement eintraten, unter allen Umständen dafür sind, daß die alliierten Truppen so lange wie möglich in Berlin bleiben;