Von Thilo Koch

Mit schütterem Haar, fast unscheinbar schmal, verneigt sich Jerome Robbins in der Reihe seiner Tänzer nach dem triumphalsten Beifall dieser Festwochen. „Ballet USA“ heißt seine Truppe, aber hinter dem sachlichen Namen steht das phantasievollste Tanzunternehmen, das wir je gesehen haben. So viel Frische, so viel technisches Können. So viel Witz, so viel Empfindung. Alles andere als genialisch ist die äußere Erscheinung dieses wahrhaft genialen Choreographen aus den USA.

Er fängt schon ganz unkonventionell an, mit einem „Bewegungsspiel“, einem Ballett ohne Musik, Titel: „Moves“. Im riesigen Titania-Palast absolute Stille, sogar die Erkälteten vergessen. den Herbsthusten. Nur die exakten Tritte und Sprünge der Tänzer sind zu hören: abstrakte Figuren werden auf die Bühne gezeichnet, die an Bilder von Kandinsky erinnern. Ohne alle Illusionseffekte auch der Rahmen: keine Kostüme, kein Bühnenbild. Natürlich keine Handlung, kein „Programm“. Nur rein die Choreographie.

Das zweite Bild zeigt einen schlafenden, halbnackten Neger. Kulisse: Ballettschule. John Jones ist ein kultivierter Tänzer mit der rhythmischen Naturbegabung seiner Rasse. Er tanzt die Titelfigur in Debussys „Nachmittag eines Fauns“. Seine Nymphe: Wilma Curley eine weiße Amerikanerin, die sich wunderbar kühl im Pas de Deux von ihrem dunklen Partner abhebt. Eine lyrisch-zarte, äußerst taktvolle Studie, die freilich nicht gezeigt werden dürfte – in Little Rock.

Der weibliche Star ist eine Japanese american, eine eher gedrungene Tänzerin, die ungemein sparsam und konzentriert hervortritt im dritten Bild: „N. Y. Export, Op. Jazz“. Man macht heute überall Versuche mit „Jazz getanzt“. Dies ist ein authentisches Muster. Wieder kaum Requisiten, dafür Präzision, vor allem aber ein Feuerwerk von Einfällen. Ganz neue Schritte, Bewegungen, Synkopen in jeder Minute, wiederholter Szenenbeifall. Einzigartig, wie Robbins die Synthese findet zwischen Individualismus und Gruppenformation.

Gipfel dieses Spitzenprogramms: „Das Konzert oder die Gefahren für Jedermann.“ Es steckt die Komik, die Selbstparodie des größten amerikanischen Karikaturisten – Saul Steinbergs – in der gesamten Konzeption Jerome Robbins’. Hier, im vierten Bild, zeichnete Steinberg höchstselbst das Bühnenbild, und sein Strich ist ganz deutlich auch in der Führung der Tänzer sichtbar. Da haben wir endlich einmal Amerika in seinen liebenswertesten Zügen. Bezeichnend, wie sich der herrliche Spaß auf die Musik Chopins reimt: die Neue Welt vor dem Hintergrund der alten.

Jerome Robbins bot das Beste, was wir seit langem sahen.