A. M., Paris, im Oktober

De Gaulle hat mit seiner Zuerkennung des theoretischen Selbstbestimmungsrechtes an die Algerier einen bedeutenden Schritt voran gemacht, und man weiß wohl, daß nur er sich diesen Schritt leisten konnte, ohne sofort weggefegt zu werden. Aber selbst ein Teil der französischen Presse hat zugegeben, daß auch der FLN, entgegen seiner bisherigen „Alles-oder-nichts“-Einstellung, erstaunliche Zugeständnisse gemacht hat. Die sofortige Zuerkennung der Unabhängigkeit als conditio sine qua non für Verhandlungen hatte er schon früher aufgegeben. Nun aber hat er noch einen anderen wesentlichen Abstrich an seinen bisherigen Forderungen vollzogen er verlangt nicht mehr, als einziger legitimer Sprecher der Algerier angesehen zu werden – er will nun nur noch Treuhänder der algerischen Interessen sein, bis das algerische Volk mit dem Wahlzettel selbst darüber entscheidet, von wem es regiert sein will.

Gewiß, auch darin steckt, genau wie in de Gaulles Algerien-Erklärung, ein erheblicher Teil Rhetorik. Hüben und drüben weiß man, daß man in einem Land ohne demokratische Tradition im westeuropäischen Sinne auch bei noch soviel UNÖ-Kontrolle nicht verhindern kann, daß der Abstimmungsmechanismus bei aller formalen Regularität nach der maghrebinischen Psychologie funktionieren wird; die Algerier werden voraussichtlich dem die Stimme geben, den sie für den Sieger halten. Darauf scheinen beide Seiten zu vertrauen. Aber der Verzicht des FLN auf seine bisher so strikt betonte Rolle als Sprecher, wie auch sein Verzicht auf Verhandlungen auf neutralem Boden könnten de Gaulle doch erlauben, ohne zu offensichtlichen „Verlust des Gesichtes“ den Kriegsgegner anzuerkennen. Ohne eine solche Anerkennung aber kann der Krieg in absehbarer Zeit wohl nicht beendet werden.

Daß hier noch ein Türspalt offen geblieben ist, haben auch die „Ultras“ eingesehen. Auf die Straße zu gehen wie man 13. Mai des Jahres 1958, ist aber heute nicht mehr so leicht. Wie damals setzt es zum mindesten die passive Duldung von Seiten der Armee voraus. Daß die Armee jedoch vorerst sich eisern zur „Aufrechterhaltung der Ordnung“ entschlossen hat, ist nicht von vornherein ein Beweis dafür, daß sie für alle Zeiten unverrückbar hinter dem zum Staatschef bestellten General steht.

So bleibt denn vorerst den „Ultras“ der Weg auf die Straße versperrt, und sie müssen sich mit dem Weg über die parlamentarische Apparatur begnügen. Dabei haben sie, wie ein Berichterstatter des „Express“ aufschlußreich geschildert hat, die Feststellung machen müssen, daß das von ihnen – zur Hälfte! – gestürzte „System“ durchaus sein „Gutes“ hatte. Als das Parlament noch die erste Macht in Frankreich war, konnten die „Ultras“ über ihre einflußreichen Lobbies in Paris jeder Regierung die Hölle heiß machen. Heute aber hat das Parlament fast keine Macht mehr, und gegen de Gaulles „einsame Entschlüsse“ nützen alle Kulissenmanöver herzlich wenig.

So ist denn die Zensurmotion, welche die beiden jungen „Paras“ unter den Abgeordneten, Lagaillarde und Le Pen, gegen Premierminister Debré einreichen werden, im wesentlichen nur ein symbolischer Akt. Was de Gaulle an seiner Mehrheit auf der Rechten verliert, gewinnt er dafür auf der Linken, vor allem bei den Mehrheitssozialisten von Guy Mollet (die auf diese „Ablösung“ nur warten), sofort hinzu. Und im Notfall bleibt de Gaulle immer noch die Waffe, Neuwahlen auszuschreiben. Die aber würde er wohl gewinnen, da die Weißen Algeriens zahlenmäßig gegenüber dem Mutterland ja nicht ins Gewicht fallen. Hier aber, in Frankreich selbst, würde die Hoffnung auf ein Kriegsende ihm all die Stimmen wieder zurückgewinnen, die er seit Anfang des Jahres angesichts gewisser Enttäuschungen, die die Fünfte Republik mit sich brachte, mindestens auf dem Papier verloren hat.

Ein Fall persönlicher Tragik ist, daß die Zensurmotion verfassungsgemäß den Premierminister Debré zur Zielscheibe nehmen muß, der – im Herzen selbst ein „Ultra“ – sich noch kurz vor de Gaulles Zuerkennung des Selbstbestimmungsrechtes an die Algerier bei den „Ultras“ für das Gegenteil verbürgt hatte und der dann vom Elysée vor das fait accompli gestellt wurde...