Bischof Dibelius hat seinen im Privatdruck veröffentlichten Aufsatz „Obrigkeit?“ unter dem Eindruck der Kritik (vgl. „Der Bischof und die Gewissensnot“, DIE ZEIT Nr. 40) zurückgezogen. Dibelius hatte darin dem DDR-Regime die Funktion einer Obrigkeit im christlichen Sinne abgesprochen.

Die Zurückziehung hat allerdings nur deklamatorischen Charakter, da bereits die ganze Auflage des Privatdrucks verteilt worden ist.

Inzwischen ist auch der leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche, D. Lilje, dem Dibelius seine Schrift zum 60. Geburtstag gewidmet hatte, entschieden von den Auffassungen des Berliner Bischofs abgerückt. Auf der Generalsynode in Lübeck erklärte er: „Es ist kein einfaches Problem, wenn sich der Christ einem Staat gegenübersieht, dessen Auffassungen mit den Voraussetzungen des christlichen Glaubens nicht vereinbar sind. Aber auch das ist Obrigkeit.“

Zu der These von Dibelius, daß selbst die Verkehrsregeln in der Zone „unsittlich“ und daher für den Christen nicht verpflichtend seien, sagte Lilje: „Die Ansicht von Dibelius kann ich nicht teilen. Ganz egal, ob Bundesrepublik oder DDR. Man kann auf der Straße nicht fahren, wie man will. Dem Christen ist es auferlegt, um des Bruders willen, solch eine Ordnung ernst zu nehmen. Selbst eine Obrigkeit, die das nicht mehr will, verwaltet einen Auftrag Gottes, wenn sie die Welt in Ordnung hält. Der Christ kann sich davon nicht dispensieren.“ B