Sie befinden sich in einem Zimmer mit einem Toten. Auf einmal fängt es unter der Decke an, sich zu regen, wohl gar zu lachen, zu singen. Da ist dann für den Beobachter der Augenblick gekommen, entweder verrückt zu werden oder denjenigen, auf deren Urteil hin er vom Totsein des Toten überzeugt war, nicht mehr zu glauben.

So geht es mir mit der deutschen Nachkriegsliteratur. Das heißt: mit dem deutschen Roman; denn Lyrik war immer nur für wenige lebendig, und Tod oder Leben des Theaters ist nur zu einem Teil, zu einem verhältnismäßig geringen Teil, von rein literarischen Kräften abhängig.

„Tot“ und „lebendig“ sind, auf Werke der Literatur angewandt, metaphorische Umschreibungen für Tatbestände, die sich als Antworten auf folgende recht nüchterne Fragen ergeben: Taugt das Buch was? Wird es gelesen? Tut es eine Wirkung? Ist es mehr als das zufällige Produkt einer zufälligen Laune (oder Eingebung) eines zufälligen Schreibers? Die letzte Frage dringt bei aller gewollten Schnodderigkeit der Formulierung leider schon vor in Bereiche, wo Beobachtung und Analyse nicht mehr genügen, um Tatbestände zu erfassen. Von solchen Bereichen möchte ich mich hier fernhalten, um nicht ganz überflüssigerweise auch noch einen Beitrag zur „Metafüselierung“ der deutschen Literatur zu leisten.

Taugt das Buch etwas? Fragen wir hier die Kritiker, dann erhalten wir oft zur Antwort, daß es zwar ums Ganze der deutschen Literatur recht mißlich bestellt sei, daß jedoch in diesem einen Falle ... Der Tote bewegt die Zehen.

Addieren wir die vielen „einen“ Fälle, dann ergibt sich, daß in Deutschland heute etwa zwanzig Romanciers Kugelschreiber oder Maschiner.tasten mit solchem Erfolg bewegen, daß ihnen „der große Wurf“ zugetraut. wird. Was dieser „große Wurf“ eigentlich ist, werden, wir vielleicht nie erfahren – aber die Germanisten des nächsten Jahrhunderts wollen ja auch noch was zu tun haben.

Von den rund zwanzig Roman schreibenden deutschen Schriftstellern, die den Beifall der Kritiker finden, haben an die zehn auch in diesem Jahr einen Roman geschrieben; und es gibt kaum einen darunter, von dem die Kritik – soweit sie sich schon geäußert hat – der Ansicht wäre, Druckerschwärze und Papier und viel, viel Fleiß seien völlig vergeblich verschwendet worden. Der Tote lacht sich ins Fäustchen.

Daß es um jedes einzelne Werk und jeden einzelnen Autor beinahe vortrefflich bestellt sei, während das Ganze mittelmäßig bis schlecht, korrumpiert, auch bejammernswert genannt werden müsse – das ist ein Dilemma, das sich aus der psychologischen Situation der Betrachter ergibt und das mit dem, was da im einzelnen gelobt und im ganzen verworfen wird, nicht sehr viel zu tun hat. Wir stoßen auf dieses Dilemma keineswegs nur in der literarischen Kritik, sondern überall dort, wo Urteile abgegeben werden müssen. Weswegen sich abstrakte Urteile so großer Beliebtheit erfreuen.