Bislang schien es so, als ob die deutsche Börsentendenz allein in New York gemacht würde. Viele „alte Börsenhasen“ waren jedenfalls dieser Meinung. Nur so ist auch folgende währe Geschichte zu verstehen: In der vergangenen Woche erhielt das Börsenbüro einer Bank am Nachmittag die Nachricht, daß die New Yorker Börse mit Kursen eingesetzt hatte, die um etwa einen Dollar fester (also höher) als am Vortag lagen. Sofort kam es zwischen den Banken zu einem lebhaften „Telephonhandel“ in deutschen Aktien, ebenfalls zu steigenden Kursen – denn wenn Wall Street fest war, mußte es die deutsche Börse am kommenden Tag auch sein. Eine Stunde später erhielt die gleiche Bank eine Korrektur ihrer Nachricht, in der es nicht „fester“, sondern „schwächer“ heißen mußte. Und prompt fielen die vorher hoch gesprochenen deutschen Aktienkurse wieder zusammen. – Dieses Beispiel zeigt, auf wie seltsame Art die Kurse in diesen Tagen oftmals „gemacht“ wurden.

Das unentwegte Starren auf New York führte schließlich dazu, daß eine Reihe von Börsianern die sich auf den deutschen Kapitalmärkten vollziehenden Veränderungen überhaupt nicht oder zu spät zur Kenntnis nahm. Es ist wohl richtig, daß im großen gesehen die Börse keines Landes lange einen eigenen Weg gehen kann, aber das schließt ein gewisses Eigenleben der nationalen Kapitalmärkte keineswegs aus. Bei den deutschen Aktienwerten war eine Korrektur fällig, weil einmal Kursübertreibungen eingetreten waren, wie sie in jeder Hausse vorkommen, und weil zum anderen zur Zeit die Kapitalnachfrage das Angebot übersteigt.Der rasch wachsende Kapitalbedarf einer der Hochkonjunktur entgegengehenden Wirtschaft macht sich bemerkbar. Nun hat das Kapital einen sehr empfindlichen Markt, der auch nur schwer zu reglementieren ist. Bei größerer Nachfrage und geringerem Angebot muß eben ein höherer Preis gezahlt werden. Da nützen auch keine „Marktabsprachen“. „Ein marktgerechter Zins wird nicht am grünen Tisch bestimmt, sondern auf dem Amboß des Marktes geschmiedet!“ so schreibt die Berliner Bank in ihrem letzten Börsen Wochenbericht – und sie hat recht damit.

Deshalb müssen wir uns damit abfinden, daß der sechsprozentige Anleihetyp in immer greifbarere Nähe rückt, besonders dann, wenn der Bundesfinanzminister nun doch noch in diesem Jahr mit einer Bundesanleihe von 200 bis 300 Mill. DM aufkreuzen sollte. Wenn man die mehreren hundert Millionen dazurechnet, mit denen sich die öffentliche Hand in den nächsten Monaten am Geldmarkt verschulden will, dann läßt sich ermessen, wie stark der Kapitalmarkt allein von dieser Seite angezapft wird. Die Wirtschaft tritt mit Anleihen gegenwärtig zwar kurz, aber sie fordert von den Aktionären bis zum Jahresende über Kapitalerhöhungen einen Betrag von rund einer halben Milliarde. Das sind Beträge, die zwangsläufig zu einer Beeinflussung der Tendenzen am Aktien- und Rentenmarkt führen müssen. Bei den festverzinslichen Papieren sieht es so aus, daß fünfprozentige tarifbesteuerte Anleihen zwischen 95,5 und 96 v. H. gehandelt werden, 5 1/2sprozentige um 97,5 v. H. Sechsprozentige Namensschiffspfandbriefe werden zu 99 1/4 bis 99 1/2 v. H. angeboten.

Der steigende Zins hat die Kapitalsammelstellen, soweit sie zur Zeit über Beträge frei verfügen können, ermuntert, mit ihren Dispositionen zurückzuhalten. Die Sparkassen sind als Käufer festverzinslicher Wertpapiere ohnehin weitgehend ausgefallen, da bei ihnen die Nachfrage nach Hypotheken gewachsen ist. Im übrigen belebte sich auch der Markt für Schuldscheindarlehen, wo sechsprozentige Kommunalschuldscheine (Laufzeit 20 Jahre, Ausgabekurs 100 v. H.) gehandelt wurden.

Da zwischen Renten- und Aktienmarkt in normalen, nicht durch Inflationsfurcht beeinflußten Zeiten eine enge Verbindung besteht, ist es nur natürlich, wenn der steigende Zins zu einer Herabsetzung der Aktienkurse führt. Vor einer Hochkonjunktur ist eine solche Bewegung auch keineswegs erschreckend, denn die Erfahrung lehrt, daß ein aus solchen Gründen entstandenes Kurstief nach einiger Zeit wieder durch ein neues, meist kräftigeres Hoch abgelöst wird. Das ist auch der Grund, warum man in den Börsensälen immer wieder die Prognose hört: Unsere Höchstkurse werden wir eines Tages wiedersehen! Niemand vermag indessen anzugeben, wann das sein wird. Die weiter wachsende Sparquote ist in dieser Rechnung der Stabilisator.

Selbstverständlich vollzieht sich eine Kursanpassung an die veränderten Zinsverhältnisse nicht gleichmäßig. Sie muß differenziert sein, weil der Kurs jeder einzelnen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad ein Eigenleben besitzt. Dividendenaussichten, Kapitalerhöhungen und Hoffnungen auf steuerfreie Zusatzaktien spielen bei der Bewertung der Aktien auch weiterhin eine bedeutende Rolle. Nicht übersehbar ist z.B. der Druck auf die BASF-Aktie, der aus der Kapitalerhöhung zum Ausgabekurs von 300 v. H. resultiert. Die BASF-Aktionäre haben dabei einen Trost: Ein vor der Bezugsrechtnotierung herabgesetzter Kurs macht einen paritätischen Bezugsrechthandel immer wahrscheinlicher. Da die Börse immer noch geneigt ist, die drei großen IG-Farben-Nachfolger als so etwas wie eine Einheit zu betrachten (die Gesellschaften tragen durch einheitliche Dividenden zu diesem Eindruck bei), kann der Druck auf den BASF-Kurs nicht ohne Einfluß auf die Bewertung der Bayer- und Hoechst-Aktien bleiben. Doch der Abwärtsentwicklung sind Grenzen gesetzt. Sie liegen genau dort, wo die Papiere von der Rendite her gesehen auch für das Ausland wieder interessant zu werden beginnen. Das mag bei Kursen von 400 v. H. der Fall sein, denn dann könnte man bei einer eventuellen Dividende von 15 v. H. eine Rendite von 3,75 v. H. ausrechnen.

Bankaktien konnten sich relativ lange behaupten. Dazu trug die Kapitalerhöhung bei der Commerzbank (siehe Bericht auf Seite 21) wesentlich bei. Ausgesprochen fest lagen zu Beginn dieser Woche die sogenannten „Berlin-Werte“, als nämlich bekannt wurde, daß die Sowjets das Berlin-Ultimatum fallengelassen haben. Die Hausse in Berlin-Papieren dauerte allerdings nur kurze Zeit. Kurt Wendt