Fragwürdige Zeugen gegen den Bundesvertriebenenminister – Dokumente sprechen für ihn

Einen „Fall Oberländer“ gibt es seit dem 1. Juli 1959, an dem das SED-Zentralorgan Neues Deutschland unter der Überschrift „Massenmörder Oberländer am Werk“ einen Bericht seiner Moskauer Korrespondenten Werner Goldstein und Willi Porombka veröffentlichte. Darin wurde dem Bundesvertriebenenminister vorgeworfen, er sei für die Ermordung der polnischen Intelligenz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Lemberg im Sommer 1941 verantwortlich.

Die Vorwürfe stützen sich auf Zitate aus zwei Untersuchungen über den zweiten Weltkrieg. Bei der einen handelt es sich um das Buch des CDU-Bundestagsabgeordneten und früheren Abwehroffiziers Paul Leverkühn („Der geheime Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht im Kriege“), bei der anderen um eine Studie des amerikanischen Ostsachverständigen Alexander Dallin („Deutsche Herrschaft in Rußland 1914 – 1945“).

Leverkühn erwähnt, daß das ukrainische Bataillon „Nachtigall“ als erste Einheit der deutschen Wehrmacht in der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1941 in Lemberg eingedrungen sei. Der „politische Führer“ des Bataillons sei Oberländer gewesen ... Dallin schreibt, in den chaotischen Tagen, die der Einnahme Lembergs folgten, hätten die Anhänger des ukrainischen Nationalistenführers Bandera – auch die im Regiment „Nachtigall“ – bei Säuberungen und Pogromen beträchtliche Initiative entfaltet.

Inspiration aus Pankow

Diese Zitate erweitert das Neue Deutschland in einer Art von Anklagerede gegen Oberländer wie folgt: Zunächst seien Oberländer und seine Leute zum Palast des Metropoliten Szeptycky gezogen. „Von hier raste ihre Terroristenbande in faschistischen Uniformen mit gelbblauen Achselstücken, ihre schwarzen Listen in den Händen tragend, durch die nächtlichen Straßen Lwows und in die Wohnungen friedlicher Bürger dieser sowjetischen Stadt.“ In einer „Bartholomäusnacht“ vom 1. zum 2. Juli seien 3000 Mitglieder der Lemberger Intelligenz dem Terror zum Opfer gefallen. In der Nacht vom 3. zum 4. Juli habe das Bataillon „Nachtigall“ dann 36 Wissenschaftler und Schriftsteller ermordet. Die Moskauer Zeitschrift Neue Zeit wiederholte in ihrem August-Heft in einem umfänglichen „Dokumentarbericht“ über Oberländer die gleichen Vorwürfe in etwas vagerer Formulierung.

Mit der Schlagzeile „Minister Oberländer unter schwerem Verdacht“ übernahm die in Fulda erscheinende Zeitung Die Tat in ihrer Ausgabe vom 26. September die Behauptungen des Neuen Deutschland und der Neuen Zeit. Wieder mußten die Zitate von Dallin und Leverkühn herhalten. Außerdem zitierte das Blatt den polnischen Parteisekretär Gomulka, der im Juli in Kattowitz erklärt hatte, Oberländer sei für die Ermordung polnischer Professoren und Literaten unmittelbar verantwortlich gewesen.