Von Ernst Stein

Mit der Literatur als Exportware erlebt man im großen und ganzen nicht viel Freude. Die einen verdrießt es, wenn man das Buch als Ware auffaßt; die anderen sind verstimmt, weil sich die Ein- und Ausfuhr des Geistes nicht immer als ein gutes Geschäft erweist und auch nicht immer als eine große Ehre; und einigen wenigen bricht es das Herz darüber, daß die Literatur auf der Seereise von einer Sprache zur anderen Havarie erleidet.

Irgendwo auf dieser Fahrt tritt ein Klimawechsel, ein Temperatursturz ein, durch den die Flora und Fauna des Originals verkümmert oder ganz eingeht. Bei der angelsächsischen Literatur, die den Löwenanteil am Übersetzungsbetrieb hat, kommt noch hinzu, daß sich ein englisches oder ein amerikanisches Buch sogar in einer schlechten Übersetzung (fast ein Pleonasmus!) immer noch mehr von seiner Atmosphäre bewahrt als ein deutsches Buch selbst in guter Übertragung. Der literarische Weg ist von Deutschland nach England weiter als von England nach Deutschland.

Wenn das deutsche Buch in England nicht ankommt, so liegt das zum Teil, wenn auch zum geringeren Teil, an einer Eigenschaft, die man als eine der Wurzeln englischen Nationalcharakters erkennen sollte: an der Faulheit. Nicht jener Faulheit bei der Arbeit – die gehört in den Wirtschaftsteil; nicht Trägheit des Herzens – denn das Herz des Engländers ist viel reger als der Ausdruck seiner Herzlichkeit; auch nicht Denkfaulheit – der kritische Geist, die Kritik als Kunst ist in England vorbildlich entwickelt. Nein, diese Faulheit ist eine unverhohlene Scheu vor jedem Gefühlsaufwand, weil er anstrengt. Sie ist die angeborene oder erworbene Unlust, gleich einzuschnappen oder: gleich zu begreifen, wo ein Anlaß vorliegt, sich aufzuregen.

Der deutsche Leser ist es, gewöhnt, vor einem Buch eine Bewährungsprobe zu bestehen, mit Hautabschürfungen in die Brunnentiefe eines Joseph-Romans zu steigen oder mit Atembeklemmungen in die Höhennebel einer Duineser Elegie zu folgen. Der englische Leser bleibt sitzen. Oder – um einen peinlichen Vergleich zu gebrauchen – er nimmt nicht immer die Hände aus den Hosentaschen, wenn kultureller Besuch kommt. („Ich habe die Romane von Thomas Mann nicht gelesen“, sagte der Nobelpreisträger T. S. Eliot, als er von Erich Hellers Buch über den Nobelpreisträger Thomas Mann sprach, „aber wer sie kennt, wird sie nach Hellers Buch bestimmt besser verstehen!“ Was überdies ein klassisches non sequitur ist.)

Doch auch in diesem Punkt scheinen sich die Engländer ganz allmählich zu ändern, es fällt ihnen sogar selber auf. Sie fühlen sich nur noch als Halbinsel, und eine Hand ist schon aus der Tasche heraus. Unlängst deutete sie, weit ausgestreckt, vor mehr als hunderttausend Lesern auf die deutsche Literatur von heute. Und das in der links liegenden Wochenschrift New Statesman. Nicht etwa im Times Literary Supplement, der kleinen Schwester der Times, das in der Literatur ungefähr die gleiche Rolle spielt, die die Times in der Politik zu spielen glaubt.

Daß gerade der Statesman, rot wie er ist und den Deutschen nicht gerade grün, der Statesman, in dem neulich Goethe „die abstoßendste Erscheinung unter den Großen der Weltliteratur“ genannt werden durfte, mit einer Sonderbeilage „Deutsche Literatur seit 1945“ herauskam, ist fast ein Unikum. Leider nur ein politisches; denn literarisch hat sich das Schmerzenskind Deutsche Literatur seit 1945 wohl nicht gerade mit Lorbeeren bedeckt.