Von Heinrich David

Wiesbaden, Anfang Oktober

Frühherbstlicher Sonnenglanz lag über dem Rheingau, dieser klassischen Landschaft der Lebensfreude – „gesegnete Gebreite“ in der Sprache Goethes, „deutsche Riviera“ in der Sprache der Omnibusunternehmer –, als zweihundert Fremdenverkehrsfachleuten im alten Kloster Eberbach eine 1953er Steinberger Kabinett Beerenauslese kredenzt wurde. Es schien ihnen kaum glaubhaft, daß Rhein und Mosel, Nordsee und Alpenland ihre Anziehungskraft auf die Fremden aus aller Welt eingebüßt haben könnten. Und doch hatten sie sich auf dem VI. Deutschen Fremderverkehrstag in Wiesbaden mit der Frage auseinanderzusetzen, warum Deutschlandreisen in letzter Zeit nicht mehr so stark „gefragt“ sind und was man dagegen tun kann – Fragen, die dieser Kongreß nicht beantworten konnte.

Kein Zweifel: die Reiseverkehrsbilanz ist seit 1958 passiv. Bis 1956 waren die Devisenüberschüsse noch Jahr für Jahr stetig angestiegen: sie betrugen 1956 immerhin 474 Millionen Mark. Das Jahr 1957 brachte noch einen kleinen Zuwachs auf 483 Millionen, aber 1958 trat bereits ein Passivsaldo von 145 Millionen Mark auf. Währendsich die Devisen einnahmen aus dem (natürlich nicht nur „touristischen“, sondern auch geschäftlichen) Reiseverkehr 1957 auf 1863 Milliarden DM und 1958 auf 1898 Milliarden DM beliefen, also stagnierten, stiegen die durch Auslandsreisen deutscher Staatsbürger verursachten Devisenausgaben von 1,381 Milliarden im Jahr 1957 um fast 50 v.H. auf 2,043 Milliarden im Jahr 1958. Die höchsten Einnahmen aus dem deutschen Reiseverkehr hatte im ersten Halbjahr die Schweiz mit 251 Millionen Mark, gefolgt von Österreich (202 Millionen Mark) und Italien (148 Millionen Mark). Die Niederlande nahmen 117 Millionen Mark von deutschen Touristen ein, die Vereinigten Staaten 91 Millionen. Die Deutschen unternahmen jedenfalls bedeutend teurere Auslandsreisen als zuvor; ob auch sehr viel mehr Auslandsreisen, ist statistisch nicht einwandfrei zu ermitteln. Im Jahre 1959 zeichnet sich eine noch ungünstigere Bilanz ab.

Niemand unternahm freilich beim Deutschen Fremdenverkehrstag den Versuch, dieser Entwicklung etwa mit der Parole zu begegnen: „Deutsche, reist in Deutschland!“ Ein solcher Versuch wäre wohl vergeblich und in seiner Auswirkung höchst zweischneidig, selbst wenn man im Einzelfall seinem Mitbürger durchaus raten könnte, an der Ostsee statt an der Adria Erholung zu suchen. Die Fachleute aber wissen wohl, daß es ihnen besser ansteht, darauf zu sinnen, wie man mehr Ausländer dazu bewegt, nach Deutschland zu kommen.

Zwar fanden sie Trost in den Worten von Diplomingenieur Bernecker (Wien), der als Präsident der Internationalen Fremdenverkehrs-Dachorganisation „IUOTO“ erklärte: „Eine passive Fremdenverkehrsbilanz muß keine Ursache zur Klage sein, sie kann unter Umständen eine Notwendigkeit darstellen, um eine aktive Außenhandelsbilanz aufrechtzuerhalten“; aber sie stimmten doch auch Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm zu, der in Wiesbaden sagte: „Die Bilanz muß uns tief enttäuschen und mahnen...“ Die Mahnung, meinte der Minister, könne sich nur „gegen die Stellen in unserem Staat richten, die für die unzureichende Bewilligung der Werbemittel... die Verantwortung tragen“.

Dieser Hinweis fand bei der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr und ihren Auslandsvertretern offene Ohren (auch wenn Seebohm diesen nicht mehr originellen Stoßseufzer zum sechstenmal vor denselben Ohren tat). Gibt doch Großbritannien im Jahre rund 12,5 Millionen Mark, das ohnehin von der Natur begünstigte Italien 11,8 Millionen, Frankreich 11,1 Millionen, selbst das kleine Belgien 6,9 Millionen, die Bundesrepublik aber nur rund fünf Millionen Mark im Jahre für die Fremdenverkehrswerbung im Ausland aus.