R. N., London, Anfang Oktober

Zieht die Jacken aus und stürzt euch in das Gefecht.“ Mit diesem Aufruf an seine Wahlhelfer mußte Lord Hailsham, Manager der konservativen Partei, eingestehen, daß die von ihm in der Kampagne betriebene Strategie fehlgeschlagen war. Labour hat die Initiative an sich gerissen. Die Konservativen sind auf der taktischen Ebene in die Defensive gedrängt worden; und da es in den parteipolitischen Loyalitäten ohnehin kaum Fluktuation gibt, scheint das Rennen jetzt völlig offen – mit den Liberalen als „Joker“.

Die Labour-Party ist nicht länger auf nur eine sozial gerechtere Verteilung des Bruttoproduktes, sondern mehr und mehr nun auch auf dessen maximale, Steigerung bedacht. Die Auseinandersetzung zwischen Sozialisten und Konservativen hat sich daher eigentlich zunehmend auf die Argumentation reduziert, wer in höherem Maße expansionistisch bzw. weniger inflationistisch sei.

Die einen nehmen für sich in Anspruch, daß der neuerdings so betonte Aufschwung der heimischen Wirtschaftstätigkeit, die feste Haltung des Pfundes und die nun endlich erreichte Preis- und Geldwertstabilität unbestreitbare Erfolge einer unfehlbar in das „Land der Verheißung“ führenden Wirtschaftspolitik seien. Die anderen wiederum wollen diese Erfolge lediglich als Folge einer vorübergehend außergewöhnlich günstigen Kombination weltwirtschaftlicher Umstände sehen und machen ihren politischen Gegnern mit dem Hinweis auf die stärkere Dynamik der kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften den Vorwurf, aus übertriebener Sorge um die Zahlungsbilanz das heimische Wachstum zu bremsen.

Bei den reichlich vorhandenen Kapazitäten könnte das Sozialprodukt, so sagt Labour, erheblich stärker wachsen. Die ins Auge gefaßte Beteiligung am Aktienkapital der 500 größten Industrieunternehmen des Landes werde einen direkten Einfluß auf die Investitionsvorhaben der privaten Industrie ermöglichen und den Staat damit zu einer kühneren Expansionsplanung befähigen. Obschon man beabsichtige, die Budgetausgaben für Zwecke der Altersversorgung, des Erziehungswesens und der Gesundheitsdienste aufzustocken, werde man deshalb in der Lage sein, die Einkommensteuer auf ihrer gegenwärtigen Höhe zu lassen und die Umsatzsteuer zu senken.

Die Konservativen tun all das als Bauernfang ab. Und nach wie vor würde der City ein come-back der Sozialisten als ausgesprochenes Unheil gelten. Gewiß zeigt die „Arbeiterpartei“ nicht mehr irgendwelchen revolutionären Eifer. Sie hat sich von der abgestandenen Doktrin der Verstaatlichung weitgehend gelöst. Niemand läßt sich von der Drohung beunruhigen, der fiskalische Zugriff auf das Geschäftsspesen-Unwesen werde verschärft werden. Zu verwinden wäre schließlich auch die ebenfalls angedrohte Kapitalgewinnsteuer, wie sie in USA bereits seit nahezu 40 Jahren praktiziert wird und in einem sehr stark auf die Einkommensteuer gestützten Steuersystem eine gewisse soziale Rechtfertigung hätte. Darüber hinaus haben die Sozialisten wiederholt und mit Nachdruck versichert, daß sie die Währungspolitik nicht ändern würden.

Dennoch ist aber doch schon an ihrer heftigen Reaktion auf die Jasper-Affäre erneut deutlich geworden, daß die Labourleute – mit einer Verdammung der Spekulation in Bausch und Bogen – auch den Grundsätzen einer freiheitlichen Wirtschaftsauffassung feindlich gesinnt sind und bleiben. Zweifellos würde deshalb ein Labour-Sieg nachhaltige Mißtrauenskundgebungen auch im Ausland auslösen, mit entsprechend nachteiligen Folgen für das Pfund und für die City.