Den Volkshelden, — denn zu diesem schuf sich die Phantasie des Volkes bald die Gestalt dieses Mannes. Noch heute gibt er verlegen die knabenhafte und gewiß nicht zu verurteilende Faszination zu, die diesen Mann und diese Vorgänge auszeichnete. Einer der Begleitmannschaften, ein riesiger, verwegener Geselle, versuchte inmitten des Trubels die große und blanke Schaufensterscheibe der "Neuen Vogtländischen Zeitung" einzuschlagen, Max Holz verwies es diesem Mann mit kurzem Zuruf. Als der aber dennoch den Kolben des Gewehres hob, sprang der Hauptmann, schmächtig, aber elastisch, mit einem Katzensprung hinzu, packte, wendete und beutelte den Ungehorsamen, bis er ihn, unter dem Grinsen seiner Kumpane, wieder auf dem Wagen hatte, und stob davon mit der Versicherung, daß er nicht gekommen sei, um sinnlos zu rauben und zu zerstören.

So also stellten sich dem jungen A D die Ereignisse der Revolution vor. Dies also war "Republik". Denn nicht anders war für ein einfaches Gemüt der Vorgang zu begreifen: Hier die zu schnellem Ordnen einmarschierende Truppe, im Gleichschritt diszipliniert, Gewehr geschultert und gehorsam dem Befehl (Und die Bürger riefen den Soldaten zu: "Holt ihr unseren Kaiser wieder?") Und dort? Gegen was richtete sich der Umsturz, wenn nicht tatsächlich gegen die Monarchie? Was konnten die Soldaten anders sein, als Monarchisten? Das in der Stadt garnisonierende Regiment rückte — wie fast alle Regimenter der Front entsetzlich zusammengeschmolzen — unter dem Befehl ihres eisenfresserischen Kommandeurs "mit klingendem Spiel" und "selbstverständlich unter den alten Fahnen" in die Heimatkaserne, die vom jüngsten Jahrgang der zur Ausbildung Eingezogenen, von Genesungskompanien und einem kleinen Stamm alter Ausbildungsunteroffiziere bevölkert war. Die Fronttruppe hatte "natürlich" keine Soldatenräte (Der "Rat", den sich die Garnisontruppe gewählt hatte, wurde schnell abgeschafft oder suchte seine Funktion in leeren Räumen ) Aber die Frontregimenter zerstreuten sich fast augenblicklich. Die Soldaten strebten nach Hause. Und die Aufrufe, bei der Fahne zu bleiben, in neu zu bildende Formationen einzutreten, in freiwillige Truppenteile, sogenannte "Freikorps", hatten nur geringen Erfolg.

Es war der sozialdemokratische Minister Noske, der, von Offizieren des Hauptquartiers beraten, an den Aufbau der neuen Armee ging, der Reichswurde, wobei die freiwilligenTruppenverbände die Aufgabe übernehmen sollten, die innere Sicherheit herzustellen, während die vom Demobümachungskommissar noch nicht entlassenen jüngsten Jahrgänge dazu bestimmt wurden, den eigentlichen Stamm der künftigen Armee zu bilden.

Derweil kümmerten die aus den weiten Räumen des eroberten Ostens zurückflutenden Truppen, zum größten Teil Etappenverbände, sich wenig um das Weichwerden der östlichen Grenzen des Reiches. Die polnische Bevölkerung der östlichen Provinzen Deutschlands verwandelte augenblicklich und mit gutem Instinkt die soziale Revolution in eine nationale. Und ihrem Anspruch vermochte die Verwaltung ebensowenig entgegenzutreten, wie im Innern dem Anspruch der sozialen Revolution: Aus den wenigen aktiven Formationen, die noch im Osten waren, bildeten sich die ersten Freikorps. Und sie allein waren imstande, als deutsche staatliche Macht aufzutreten. Die ersten Aufrufe der Regierung zur Bildung von Freikorps sprachen ausdrücklich lediglich von der Aufgabe, die offenen Grenzen zu schützen. Aber da die jungen Jahrgänge der innerdeutschen Garnisonen — Demobilmachungskommissar hin oder her — die allgemeine Verwirrung benutzten, um ebenfalls nach Hause zu gehen, waren monatelang lediglich die Freikorps zur Hand. Unter dem schützenden Mantel der Freikorps erst konnte der Aufbau der eigentlichen Reichswehr beginnen. Als Ersatz für die durchaus dienstunwilligen jüngsten Jahrgänge in den Garnisonen erfand der nimmermüde Geist der Generalstäbler die sogenannten "Zeitfreiwilligen". Aufrufe ergingen, vornehmlich gerichtet an die Jugend, an Studenten und Schüler, an die bürgerliche Jugend also, zeitweise freiwillig Dienst zu tun, sich zu militärischem Tun ausbilden zu lassen. Die gerade für diese Gruppen der Jugend unbezweifelbare patriotische Tendenz der Einrichtung bekam ihren nahrenden Effekt durch einen vergleichsweise hohen Sold. In den Schulen, in den Universitäten würde, von der Regierung ausdrücklich genehmigt, beredt geworben: Semester im "ZeitfreiwilligenDienst" wurden angerechnet, Abiturienten wurde die Möglichkeit eines Not Abiturs in Aussicht gestellt.

A. D hatte einen patriotisch leicht entflammten Lehrer. Er meldete sich, von diesem angesprechen, sofort, Als A. D zum ersten Male, durch einen Zettel aufgefordert, die Kaserne betrat, in der sich die Zeitfreiwilligen sammelten, traf er dort neben sehr vielen jungen Leuten seiner Schicht auch eine stattliche Anzahl älterer Herren, die zum Teil noch nie ein Gewehr in der Hand gehalten hatten, bekannte und geachtete Honoratioren der Stadt und des Landes. Sie hatten wenig Neigung, sich von Max Holz brandschatzen und plündern zu lassen. Und wo konnten sie der Begegnung mit diesem Manne besser und sicherer ausweichen als in der Kaserne eben jener Truppen, die sich nun aufmachten, nach Max Holz zu suchen? (Wird fortgesetzt l