Haustrinkkuren in Herbst und Winter – Die Wohnung wird zum Bad, der Balkon zum Kurgarten – Millionen greifen zur Flasche/ Von Jürgen C. Petersen

Die Trinkkur ist regelmäßig, das heißt ohne Unterbrechung, über einen Zeitraum von mindestens vier bis sechs Wochen durchzuführen“, so befiehlt es wörtlich Professor Dr. Wilhelm Pfannenstiel, und Millionen eilen, seinem Gebot zu folgen. Sie tun es freudig, freudiger als je zuvor. Was Brunnenverwaltungen, Versandfirmen und Verfechter der Brunnenkuren vor drei Jahzehnten nicht zu denken, vor zehn Jahren nicht zu hoffen wagten – heute ist es Wirklichkeit: Millionen greifen zur Flasche, aber zur richtigen. Auf jeden Kopf der Bevölkerung „entfällt“ – wenn „entfallen“ hier das richtige Wort sein sollte – pro Jahr, so schätzt man, eine Flasche mit dem Wasser eines Heil- oder Naturbrunnens. Die Trinker, die solches zu genießen wissen, wirken gesünder, die Farbe ist frischer und der Blick klarer.

Nicht jeder konnte sich’s leisten

Nun ist das ja nicht ganz neu. Die alten Römer tranken schon Brunnen, und Paracelsus nannte sie „die natürlichen Composita Gottes“, und er fügt hinzu, sie seien „vollkommener an Tugend. und Kraft als alles andere“. Einige hundert Jahre später stimmte ihm Dr. Hufeland, der Leibarzt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., bei: „Man muß die einzige, oft alle Erwartungen übersteigende wundervolle Kraft der Brunnenkuren selbst beobachtet haben, um nicht nur überhaupt ihren Wert nach Verdienst schätzen zu können, sondern auch um ihre Kräfte und Wirkungen im einzelnen zu erkennen und zu würdigen.“ Das war 1815, und zu Wilhelms Zeiten fuhr der Polizeipräsident von Stettin nebst Gattin zur Kur nach Ems, nicht, weil die Herrschaften ernsthaft an katarrhalischen Leiden des Ober- oder Unterleibes litten, sondern um am selben Ort „den Brunnen zu nehmen“, wie S. M. Die Kur und der Brunnen – den zu trinken sich damals nicht jeder leisten konnte – waren eben Requisiten des gesellschaftlichen „Dazugehörens“. Tatsächlich waren die deutschen, österreichischen, französischen und belgischen Heilbäder auch der Treffpunkt zahlreicher europäischer Fürstlichkeiten und der Aristokratie jeglicher Schattierung.

Heute trifft sich dort der Kassenpatient, und die Zahl der Menschen, die Vorbeugung, Heilung oder Linderung „an der Quelle“ suchen und erfreulich oft auch finden, ist seit dem ersten Weltkrieg um etwa das Zwanzigfache, seit dem zweiten Weltkrieg um das Zehnfache gewachsen. Neue Methoden der Analyse, neue Erkenntnisse von der Anwendungsmöglichkeit und ein neues Gesundheitsbewußtsein haben allenthalben neue Brunnen in der heilkräftigen Erde finden lassen, und wenn man heute in der Zeitung Überschriften liest wie „Nike-Basen in der Eifel“, so kann der politisch uninformierte Leser in Zweifel geraten, ob es sich hier um eine neue Heilquelle oder um Raketen-Abschußrampen handelt (das zweite ist richtig).

Ems-Pastillen oder Depeschen?

Die Nutznießer der Trinkkuren von heute wollen sich durch das Etikett an dem Brunnen auf ihrem Mittagstisch keinen gesellschaftlichen Anspruch attestieren. Sie wissen von Emser Pastillen mehr als von Emser Depeschen, und bei bestimmten Erkrankungen lassen sie sich einen chloridisch-erdig-alkalischen Säuerling verschreiben. Da weiß man doch, was man hat. Sie wollen durch die gebrauchten Heilwässer gesund werden oder bleiben. Daran glauben sie, und ihre Ärzte glauben es auch. Es kommt ihnen auch weniger auf das Bad an als auf die Quelle. Niemand braucht heute mehr zur Quelle zu wandern. Die Quelle – es gibt ihrer 35 große und viele kleinere in der Bundesrepublik – kommt zu ihm. Deshalb ziehen viele, zum Beispiel die, die im Sommer keinen Urlaub bekommen haben, die eine Ferienreise gemacht haben oder in unseren mehr als gut besuchten Heilbädern keinen Platz mehr gefunden haben, die Trinkkur zu Hause vor. Da werden die Wohnung zum! Bad, der Balkon zum Kurpark und das Radio zum Kurorchester. Man braucht sich nicht zu trennen, nicht vom liebenden Weibe noch von den lieben Kinderchen. Und der Brunnen ist ganz der gleiche wie 300 Kilometer weiter weg.