Von Ingrid Neumann

Die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die sich in ihrer neuen Zusammensetzung bemühen muß, das verschenkte Ansehen früherer Zeiten zurückzuerobern, konnte in diesen Tagen zum ersten Male seit Monaten mit einer Erfolgsmeldung vor die Öffentlichkeit treten: Das Jahr 1959 wird das „beste Stahljahr“ in der Geschichte der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl werden.

Mit einer Rohstahlproduktion von voraussichtlich 62,5 Mill. t wird die bisherige Höchstleistung des Boom-Jahres 1957 um mehr als 2,5 Mill. t überschritten werden. Zwar ist die Hohe Behörde selbst an dieser Entwicklung mehr oder weniger „unschuldig“, aber wer will es ihr verargen, wenn sie die rasant angelaufene Stahlkonjunktur an die supranationalen Fahnen heften möchte?

Die wieder gut beschäftigten Stahlzentren des Gemeinsamen Marktes sind kein Tätigkeitsnachweis für die Luxemburger Montanexekutive, aber die optimistischen Kommentare der Stahlindustrie werden dort – begreiflicherweise – mehr als dankbar begrüßt, weil sie die im vergangenen Jahr offenbar gewordenen Mängel der „Teilintegration“ wieder auf den Brennstoffmarkt beschränken. Noch vor wenigen Monaten, als die Stahlflaute den „Tonnenjäger à tout prix“ auf den Plan gerufen hatte, und als vor allem die französischen Stahlerzeuger auf Befehl ihrer Regierung, und mit einer zweimaligen Franc-Abwertung im Rücken, das Rennen um die Aufträge zu gewinnen trachteten, sah es keineswegs so aus, als ob Luxemburg nicht auch als oberste Stahlbehörde Federn lassen müßte! Um so begeisterter kommt der neue Stahl-Boom in den Büros der Montanbehörde in Luxemburg an, hat er doch das zu beseitigende „Ungleichgewicht am Gemeinsamen Stahlmarkt“ – hervorgerufen durch das nach dem Montanvertrag nicht zulässige Preisdiktat der französischen Regierung – in den Hintergrund treten lassen! Tatsächlich könnte die Hohe Behörde wieder ihr ganzes Augenmerk auf den Gemeinsamen Markt für Kohle richten – er hat es nötig genug! Der Gemeinsame Markt für Stahl läuft auf den Rädern der Konjunktur.

Die erwarteten Zuwachsraten in der Stahlproduktion der sechs Länder sind unterschiedlich.

Den größten Sprung wird ohne Zweifel die westdeutsche Erzeugung machen, die nach den Luxemburger Voraussetzungen zusammen mit der Produktion des Saarlandes auf 29,37 (bisheriges Höchstergebnis im Jahre 1957 : 27,9) Mill. t Rohstahl kommen wird. Es ist kein Geheimnis mehr, daß in der westdeutschen eisenschaffenden Industrie das Stimmungsbarometer auf Schönwetter gestiegen ist. Der Optimismus dürfte diesmal sogar berechtigt sein. „Das Stahlgeschäft macht wieder Spaß“, heißt es heute im Revier.

Absatz und Produktion florieren, und die Auftragsbücher schwellen an. Die westdeutschen Hüttenwerke verfügen über ein Auftragspolster das mit 4,2 Mill. t wieder eine ansehnliche Spanne von dem beängstigenden Niveau im letzten Winter entfernt ist. Zudem liegen schon seit einigen Monaten die Auftragseingänge über den (hohen) Auslieferungen der Werke, so daß das Fundament der Beschäftigung von Monat zu Monat breiter wird. Die stahlerzeugenden Unternehmen des Ruhrreviers sind daher mit 90 bis 95 v. H. ihrer Schmelzkapazität beschäftigt. Das ist schon fast wieder mehr, als weite Kreise in der Industrie selbst es als gesund ansehen. Aber da dieser Berechnung des Ausnutzungsgrades in der Regel nur die „offizielle“ Kapazität zugrunde, die tatsächliche aber darüber liegt, wird die Freude über eine überdurchschnittlich gute Beschäftigung noch ungetrübt genossen. Immerhin sind in diese Sphäre jetzt auch wieder Werke vorgedrungen, die noch vor wenigen Monaten ihre technischen Möglichkeiten nur zu 60 v. H. genutzt haben.