Gr., Rotterdam, im Oktober

Ab Juli 1960 werden jährlich 7,5 Millionen Tonnen Öl von Pernis – heute schon das holländische. Klein-Texas genannt – durch eine unterirdische Ölader ins rheinische Industrierevier fließen. Dies wird jedoch nur der Anfang sein; geplant sind 10 Mill. Tonnen, und man spricht sogar schon von 20 Mill. Tonnen, welche die Pipeline, die augenblicklich gebaut wird, ohne weiteres schlucken könne.

Wir haben uns bereits daran gewöhnt, vom „Atomzeitalter“ zu sprechen, nur weil in der Kernforschung Erfolge erzielt worden sind. Die Wirtschaft schwört aber vorläufig noch auf Öl. Sie erwartet nicht, daß die Atomenergie’schon in absehbarer Zeit einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des Bedarfs leisten wird. Selbst der Energieausschuß der OEEC schätzt den „nuklearen“ Anteil an der Energieversorgung bis 1975 auf höchstens 7 v. H. Optimisten sprechen von 10 v.H. Doch auch das hat nicht viel zu besagen, schon weil die Erzeugung von Kernenergie einstweilen noch eine recht kostspielige Sache bleiben wird. Die Kapitalaufwendungen für den Bau von Atomkraftanlagen betragen – nach dem heutigen Stand – je Energieeinheit das Dreifache dessen, was für mit Kohle oder Öl gespeiste Anlagen benötigt wird. Der wirtschaftlichen Auswertung der Atomenergie sind also schon von dieser Seite gewisse Schranken gesetzt, wenn es den Fachleuten nicht in absehbarer Zeit gelingt, die Leistung der Atomkraftanlagen im Verhältnis zum investierten Kapital erheblich zu steigern.

Doch auch dann bleibt die Atomkraft (ähnlich wie die Wasserkraft) nur ein Mittel zur Elektrizitätserzeugung. Obwohl die Verwendung der Elektrizität außerordentliche Möglichkeiten bietet, ist sie nicht universell. In Norwegen etwa, wo die Wasserkraft relativ billig ist, greift man für viele industrielle Zwecke auf das Öl zurück. Daß Atomkraft den Treibstoff ersetzen könnte, ist eine Möglichkeit, die voraussichtlich noch nicht so bald spruchreif sein dürfte.

Geschätzt wird, daß der Energiebedarf in Westeuropa bis zu 32 v. H. durch Öl zu decken sein wird (zur Zeit sind es 20 v. H.), während der Anteil der Kohle, heute noch 69 v. H., auf 50 v. H. zurückgeht. Der Anteil der aus Wasserkraft gewonnenen Energie dürfte mit 11 v.H. ziemlich konstant bleiben. Die restlichen 7 v. H. entfallen auf Atomenergie als zusätzliche Kraftquelle.

In der Ölwirtschaft ist man gewöhnt, kühl und exakt zu rechnen. Die Zuwachsrate des Ölbedarfs in Westeuropa ist eine bekannte Ziffer. Die Industrie macht sich über die Absatzentwicklung ebensowenig Sorgen wie über die Ölvorräte. Was sie weit stärker beschäftigt, ist die Transportwege, die heute schon gelöst werden muß, damit später keine Stauungen auftreten. Der wachsende Ölbedarf führt neben dem Bau immer größerer Tanker auch zu einem Wettlauf im Bau von Rohrleitungen, durch die das Rohöl, das über See zur Küste transportiert wird, auf kürzesten; und schnellstem Wege zu den Verarbeitungsstätten geschafft werden kann.

Die Ölleitung von Wilhelmshaven an die Ruhr ist bereits in Betrieb. Der Bau der Pipeline, die Rotterdam-Pernis mit den Raffinerien in Wesseling, Godorf und Wesel auf einer Gesamtstrecke von 292 km verbinden wird, ist weit fortgeschritten, Vor einigen Tagen erreichten die Bagger die deutsche Grenze bei Venlo und fressen sich jetzt weiter durch das niederrheinische Land. Sie ziehen 1,5 m tiefe Gräben – einen bis nach Wesel und einen bis nach Godorf. Den Baggern folgen die Rohrverlegungskrane.