M. E., Kampen auf Sylt

In diesem Jahr der Sonne hat die Insel Sylt – samt ihrem Kampener Nacktbadestrand „Abessinien“ – die Gäste länger als sonst zu fesseln vermocht – tief in den Herbst hinein. Sie haben den Leuten von Sylt Geld gebracht, aber auch Gesprächsstoff für lange Wintertage; beispielsweise diese Erinnerung aus der zu Ende gehenden Saison ...

Fünf junge Mädchen gehen über den Strich ins abessinische Reservat auf Familienbesuch, wohl bekleidet mit dem immerhin auch nur wenigen, was man heutzutage in „Man-hatt-an“ trägt. Kaum liegen sie in der Burg ihrer Freunde, nähern sich drohend einige mit Stöcken bewaffnete, längst dem Schneider entfleuchte Männer und verlangen: Sofortige Umwandlung in Nackedeis oder ebenso schnelle Rückkehr nach „Manhattan“. Frist fünf Minuten ...

Die Mädchen betrachten das selbstverständlich als einen nachsommerlichen Scherz und haben sogar Verständnis dafür. Aber nach Ablauf jener Frist wird bitterer Ernst daraus. Nicht schöner, aber zahlreicher geworden, immer noch splitterfasernackt, nähern sich nach fünf Minuten stockbewehrte Männer aufs neue jener harmlosen Burg. Träger alter Hamburger Namen darunter. Familienväter, Väter von Töchtern, sind dabei. Und sie drohen jetzt so ernst damit, die jungen Mädchen ihrer Badekleidung zu berauben, daß diese in die naheliegenden Dünen flüchten.

Seither fragen sich die Kampener, ob es ein Privileg ist, im deutschen Vaterland an gewissen Stellen unbekleidet (örtlich bezogen) herumzulaufen, einerlei wie alt, feist und wenig attraktiv man ist, oder ob man gar einer Lizenz bedarf, sich bekleidet dort zu bewegen, wo diese Gestalten das zweifelhafte Recht haben, nackt ihr Wesen zu treiben.

„Da kömmp es noch ssu“, würde man im bekleideten Hamburg sagen. Aber so weit sollte es ja eigentlich nicht kommen dürfen.