Französische Zeichnungen des 20. Jahrhunderts in der Hamburger Kunsthalle

Von Gottfried Sello

In der Hamburger Kunsthalle waren im Frühjahr 1958 „Französische Zeichnungen vom 14. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts“ ausgestellt. Es war eine einzigartige Gelegenheit, eine verhältnismäßig unbekannte Seite der französischen Kunst kennenzulernen, gewisse nationale Tugenden – charme und clarté, Bewußtheit und Beweglichkeit – auch im Bereich der Graphik zu entdecken und gewisse nationale Vorurteile (die Linie als deutsche, die Farbe als französische Domäne) auf das rechte Maß zu reduzieren.

Nun wird das damals Begonnene weitergeführt über Seurat und Toulouse-Lautrec hinaus in die Gegenwart. Aber sind diese rund 300 Französischen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts“ überhaupt noch Gegenwart? Sicher nicht, wenn wir darunter das erregend Neue, das Experimentelle und Umstrittene verstehen, wie es uns die zweite documenta in globalem Maß demonstriert hat. Es ist erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit das Avantgardistische, das Revolutionäre und Umstrittene heutzutage in die Sphäre des Klassischen, der unbestrittenen Geltung hinüberwechselt.

Die ausgestellten Blätter repräsentieren insgesamt eine in sich geschlossene und zugleich abgeschlossene Epoche, die große Zeit der Ecole de Paris, in der die verschiedensten Nationen und divergierende Begabungen etwas durchaus Einheitliches zustande brachten, das man freilich nur noch bedingt als „französisch“, als die Weiterentwicklung der künstlerischen Kardinaltugenden der Franzosen empfinden wird. Dabei kommt es nicht einmal darauf an, in welchem Jahr die Blätter entstanden sind. Vieles stammt aus den Jahren nach 1950.

Eine bezaubernde „klassische“ Bleistiftzeichnung, Picassos „Angela Rosengart“, ist vom 2. Oktober 1958 datiert. Aus dem gleichen Jahr stammen zwei lavierte Tuschzeichnungen „Zirkus“ und „Der Maler und sein Modell“, die Chagall mit einigen andern Blättern aus seinen Beständen ausgesucht und nach. Hamburg geschickt hat. Braques Äpfelstilleben sind von 1954, Villons in zartesten Lineamenten unendlich übereinander getürmter Bücherstapel (er nennt das Blatt, in Anspielung auf Flauberts Roman, „Bouvard et Pécouchet“) ist von 1955.

Aber auch diese neuesten Arbeiten distanzieren sich von dem, was heute mit dem unverbindlichen Stempel des „Aktuellen“ versehen wird. Die Künstler der Ecole de Paris haben ganz eindeutig und ausnahmslos dem Sog der „Kunst nach 1945“ widerstanden, ohne daß ihr Schaffen deswegen auch nur die geringsten Zeichen von Schwäche, von Sterilität und Selbstimitation erkennen ließe.