Von Dieter E. Zimmer

Als der Dichter für seinen auf Lyrik, Essays und Reiseberichte folgenden ersten Roman – Rudolf Hagelstange: „Spielball der Götter – Aufzeichnungen eines trojanischen Prinzen“; Hoffmann u. Campe Verlag, Hamburg; 344 S., 15,80 DM

den neugestifteten Julius-Campe-Preis (15 000 D-Mark) entgegennahm, ging mehrmals ein verhaltenes Erschrecken durch die Festversammlung. Liebe Leute – das war etwa der Sinn seiner Festrede – ihr spielt angesichts drohender Katastrophen die Indifferenten; ich wünschte mir ein Publikum, das sich provozieren läßt, das kritisch abwägend Partei ergreift. Das Publikum, das zu feiern gekommen war, trafen die Worte mehrmals in das unter dem besten Anzug verborgene Herz.

Daß nun aber dieser sein Roman aus einer „Schmiede der Rücksichtslosigkeiten“ hervorgegangen sei, kann man nicht behaupten. Seine Satire ist mild, seine Wirkung weniger herausfordernd als begütigend.

Das Thema: Aktualisierung des Mythos. Der trojanische Krieg geht zu Ende, spöttisch und überlegen beschreibt Prinz Paris sein Leben. Dies ist nicht der „Weichling“, der „Held an Schönheit“ und „weibssüchtige Verführer“, wie ihn, allerdings auch schon bei Homer zum Widerruf bereit, sein Bruder Hektor einmal beschreibt, nicht der Schürzenjäger und Schwerenöter, als der er in die Geschichte eingegangen ist.

Hagelstanges Paris ist komplizierter: ein Bonvivant, der die Verfeinerung liebt, das Kriegsgeschrei wie überhaupt die pathetisch-heroische Gebärde verabscheut und – gern auf die Schreier herabsähe; körperlich und geistig gleich tüchtig, ist er den schönen Dingen wie den schönen Frauen zugetan und nicht nur Spielball, auch Liebling der Götter – ein Mann, der die Kraft hat zu bezaubern: „Die Götter wählen keinen Esel zum Schiedsrichter“, erklärt ihm der Bote, der ihn vor die konkurrierenden göttlichen Schönheiten führt.

Auch die Entführung Helenas ist keineswegs die Tat eines bedenkenlosen Glücksritters, eher schon amour passion eines antiken Tristan; Helena folgt gern ihm, der dem ungeschlachten und sentimentalen Gatten Menelaos in der Kunst der Liebe weit überlegen ist.