Wenn die Aktienkurse fallen, sind die Aktienbesitzer gemeinhin mißvergnügt. Sie fühlen sich ärmer werden, aber die wenigsten ringen sich zu dem Entschluß durch, die fallenden Aktien abzustoßen. Der Durchschnittsaktionär hat „Sitzfleisch“, er hofft auf bessere Zeiten und scheut Entscheidungen, die sich später vielleicht doch als falsch herausstellen könnten. Dieses Sitzfleisch war in der Vergangenheit sehr wertvoll. Wer nämlich in den letzten Jahren seine Aktien behalten, die darauf entfallenden jungen Aktien bezogen und gelegentlich etwas dazugekauft hat, ist mit seinem Besitz am besten gefahren. Wer sich aber durch jede Kursschwankung beeindrucken ließ, verkauft und zurückgekauft hat, verdiente bestimmt nicht mehr, sondern bezahlte kräftig Spesen. Deshalb, meine verehrten Leser, lassen Sie sich auch jetzt nicht nervös machen. Wenn nicht politische Katastrophen eintreten, dann wird sich die gegenwärtige Abwärtsbewegung in engeren Grenzen halten, als die Pessimisten meinen. Die internationale Verflechtung des Kapitalmarktes wird dafür sorgen, daß wir keine achtprozentigen Industrieanleihen und deshalb auch keine so niedrigen Kurse wie 1955 zurückbekommen. Es spricht aber vieles dafür, daß wir eines Tages die Höchstkurse dieses Sommers wiedersehen werden. Aber man wird bis dahin Geduld haben müssen.

Unter den Wertpapierbesitzern besteht alles andere als eine Katastrophenstimmung. Bis auf eine recht kleine Minderheit haben die Aktionäre ihre Papiere noch unter den jetzigen Kursen gekauft. Sie könnten also, wenn sie ihre Stücke heute veräußerten, einen Gewinn machen. Unser Kursbarometer zeigt für den 2. Oktober 1959 einen Stand von 460,55 an, er dürfte jetzt zwar etwas darunter liegen, aber nicht so wesentlich, daß der folgende Vergleich dadurch gefährdet wird. Wenn wir nun etwas zurückblicken, dann finden wir für den 31. Juli 1959 ebenfalls einen Stand von 460,69 verzeichnet. Mit 510,98 erreichte er am 28. August die bisherige Spitze, fiel am 11. September vorübergehend auf 448,81.

Echte Verluste hat also – rein statistisch betrachtet – bislang nur derjenige erlitten, der nach dem 31. Juli Aktien gekauft hat. Und das sind, wie die Börsenbüros der Banken erklären, sehr wenige gewesen. Sicherlich hat der eine oder andere seinen Bestand durch Zukauf abgerundet oder ihn umgeschichtet, aber insgesamt gesehen spielen die aus solchen Transaktionen entstandenen, tatsächlichen Einbußen eine geringe Rolle. Die hohen Kurse des Spätsommers sind – wie wir alle wissen – mit kleinen Umsätzen zustande gekommen. Es wurden Knappheitspreise gezahlt. Überdies hatte es in den Wochen vorher an Warnungen nicht gefehlt. Wer darauf nicht gehört hat, sondern den vielen Wertpapierinformationsdiensten gefolgt ist, die unentwegt „auf Hausse machten“ und sich nicht genierten, von Woche zu Woche um 50 Punkte höhere Kurse vorauszusagen, muß jetzt die Konsequenzen tragen. Solchen Leuten empfehle ich, doch einmal die alten Ausgaben dieser Dienste vorzunehmen und ihren Inhalt mit den „einerseits“ und andererseits“ der jetzt gegebenen Prognosen zu vergleichen.

Das Mißvergnügen, mit dem die meisten Aktionäre zur Zeit zu kämpfen haben, und von dem ich eingangs schon sprach, entsteht in der Regel bei folgender Rechnung: „Wenn ich zu den Höchstkursen meine Papiere verkauft hätte, dann wäre ich heute um soundsoviel reicher. Schlußfolgerung: Um diesen Betrag bin ich jetzt ärmer, also habe ich ihn an der Börse verloren. Natürlich hat mich meine Bank schlecht beraten. Sie hat mich zwar gewarnt, als ich in diesem Sommer noch stärker ins Geschäft einsteigen wollte, aber sie hat mir nicht gesagt, daß es am besten gewesen wäre, wenn ich meinen gesamten Aktienbesitz liquidiert hätte...“ Ein Kommentar ist dazu überflüssig. Niemand kann den höchsten und niedrigsten Kurs einer Hausse oder Baisse voraussagen. Deshalb ist Wertpapierberatung ein undankbares Geschäft. Wie viele Vorwürfe haben sich jene Banken anhören müssen, die zu früh gewarnt haben. Bundesbankpräsident Blessing erhob zum ersten Male im November vorigen Jahres seinen Zeigefinger – und anschließend bekam die Hausse erst Format.

Aktien sind und bleiben Risikopapiere. Und weil das so ist, darf man sich bei seinen Dispositionen niemals zu etwas hinreißen lassen, nur deshalb, „weil es alle so machen“. Wenn Sie Aktien kaufen wollen, meine verehrten Leser, dann müssen Sie prüfen, ob dieses oder jenes Papier für Sie gut ist. Nur Sie allein können entscheiden, ob z. B. die Anlage langfristig oder kurzfristig gedacht ist.

Wenn wir uns hier bislang über Fragen der Wertpapieranlage unterhalten haben, dann hatten wir stets die langfristige Ersparnisanlage im Sinn. Deshalb hatte ich Sie auch schon sehr frühzeitig auf einige ausländische Aktien oder Investment-Zertifikate aufmerksam gemacht. Wer damals meine Anregung aufgriff und das eine oder andere Papier erwarb, wird mir in den vergangenen Monaten vielleicht böse gewesen sein. Denn die wenigsten ausländischen Wertpapiere erlebten eine Hausse wie die meisten deutschen Aktien. Heute stellt sich allerdings mehr und mehr heraus, daß die ausländischen Aktien dafür einen sehr viel geringeren Kursabschwung erleben. Vielleicht erinnern Sie sich an den Investment-Fonds für französische Werte („Agefra“)? Er wurde aufgelegt, als die deutschen Kurse ihren höchsten Stand erreichten. Wer damals Zertifikate dieses Fonds gekauft hat, verlor an der Baisse bislang keinen Pfennig, denn die Abgabepreise der Zertifikate schwanken heute noch um 100 DM, also um den ersten Ausgabepreis.

Ich glaube, daß es auch jetzt noch lohnend sein kann, wenn man den ausländischen Aktien Aufmerksamkeit widmet. Die Renditen erstklassiger Auslandskonzerne liegen teilweise über den vergleichbaren deutschen Werten, obwohl die ausländischen Konzerne in der Regel besser fundiert sein müssen (sie hatten weniger Kriegs- und Nachkriegsverluste) als die Mehrzahl der deutschen Gesellschaften. Das zeigt andererseits, daß wir vorläufig noch nicht mit einer massierten Rückkehr der ausländischen Anleger an die deutschen Märkte rechnen können.