Auf der Tagung der sogenannten Bretton-Woods-Institute (Weltbank, Internationaler Währungsfonds und International Finance Corporation), die letzte Woche in Washington stattgefunden hat, forderte Präsident Eisenhower die Vertreter aus 68 Ländern zur Gründung einer neuen Institution für Entwicklungshilfe auf. Sie soll den Namen international Development Association“ (IDA) tragen, über ein Kapital von einer Milliarde Dollar verfügen und vor allem die europäischen Staaten stärker in die Finanzierung der Entwicklungshilfe einspannen. Nach erfolgter Gründung wird die IDA den kapitalarmen Ländern „soft loans“ zur Verfügung stellen – Kredite zu niedrigen Zinssätzen, die erst in 20 bis 40 Jahren und zudem teilweise in (weicher) Landeswährung zurückgezahlt werden können.

Diese Darlehen sollen in den asiatischen und afrikanischen Entwicklungsländern dann einspringen, wenn die Weltbank infolge ihrer strengen Darlehensbedingungen keinen Kredit gewähren kann. Die IDA-Mittel würden mit anderen Worten nicht nur für „rentable“ Projekte verwendet, sondern beispielsweise auch zur Finanzierung von Schulen und Spitälern. Am vorgesehenen Kapital im Betrag von 1 Mrd. Dollar werden sich die USA mit 320 Mill. Dollar beteiligen. Dies entspricht der amerikanischen Beteiligung am Weltbank-Kapital; auch die übrigen 680 Mill. Dollar sollen nach diesem Schlüssel auf die Weltbank-Mitglieder aufgeteilt werden.

Verglichen mit dem Kapital der Weltbank (gegenwärtig 21 Mrd. Dollar) ist die eine Milliarde der IDA natürlich bescheiden. Sie dürfte ein jährliches Kreditvolumen von ungefähr 150 Mill. Dollar ermöglichen, was sich gegenüber den 703 Millionen, welche die Weltbank im letzten Geschäftsjahr zur Verfügung gestellt hat, eher spärlich ausnimmt.

Die Milliarde hat daher vorderhand mehr symptomatische als wirtschaftliche Bedeutung. Wenn nicht alles trügt, dann soll die Gründung der IDA nämlich einen Wendepunkt in der amerikanischen Außenwirtschaftspolitik markieren. Die USA wollen die Rolle des reichen Mäzen in der Weltwirtschaft zukünftig nicht mehr allein spielen, sondern zusammen mit den westeuropäischen Ländern – auch mit der Bundesrepublik. (Es ist durchaus denkbar, daß auch der deutsche Bundesbürger in Zukunft den Stoßseufzer des amerikanischen Steuerzahlers ausstößt, dessen Steuergelder etwa in Pakistan investiert werden.)

Die amerikanische Kursänderung ist eine Folge stiller, aber tiefgreifender Veränderungen in der Struktur der Weltwirtschaft. Die USA haben seit 1945 insgesamt 64 Mrd. Dollar der übrigen Welt als Auslandshilfe zufließen lassen; sie haben sich überdies bis heute im Außenhandel mit einer schlechteren Behandlung zufriedengegeben als die, welche beispielsweise die europäischen Länder sich untereinander angedeihen lassen. All dieser Edelmut datiert aus der Epoche der „Dollarlücke“, die seit einiger Zeit verschwunden ist.

Die europäischen Industrieländer erzielen jetzt sogar Dollar-Überschüsse, die sich im Abfluß von amerikanischem Gold nach Europa widerspiegeln. Das Aktivum der US-Handelsbilanz von 3 Mrd. Dollar jährlich reicht nicht aus, um die amerikanischen Kapitalexporte (alles in allem 7,5 Mrd. pro Jahr) zu finanzieren. Das Resultat besteht in einem Defizit der US-Zahlungsbilanz, das sich auf 4,5 Mrd. beziffert. Schatzsekretär Anderson hat die Europäer in Washington auf diesen Passivsaldo hingewiesen, als er sie zur Unterstützung Amerikas in der Entwicklungshilfe aufforderte.

Kapitalexporte oder internationale Geschenke, wie sie die neue Institution IDA praktisch gewähren soll, haben aber noch einen anderen’ Aspekt, der in Zukunft – vielleicht! – wichtiger sein könnte als die oft zitierte Notwendigkeit, Länder vor dem Kommunismus zu retten... Kapitalexporte schaffen Nachfrage in den empfangenden Ländern, die im Falle von IDA zwar praktisch von den Lieferanten selber, finanziert, aber dennoch effektiv wird (an Nachfrage ohne „liquiden“ Hintergrund mangelt es den kapitalarmen Ländern dagegen nicht). Es ist nun denkbar, daß gerade diese Nachfrage in Zukunft eine Nachfragelücke ausfüllen könnte, die sich besonders in den USA mit ihren hohen Rüstungsausgaben störend auf den Konjunkturablauf auswirken würde. Ein solcher Nachfragerückgang würde dann eintreten, wenn sich die amerikanische Wirtschaft von der Verteidigungs- auf die civile Produktion umstellen müßte, also beispielsweise dann, wenn über irgendwelche Abrüstungspläne mit der UdSSR ein Übereinkommen erzielt werden könnte.

In einem solchen Fall würde man deutlicher als bisher gewahr, daß der Entwicklungshilfe nicht nur die Funktion zukommt, den Kapitalbedarf armer Länder zu stillen, sondern daß sie – was sie bisher sozusagen nur „bona fide“ tut – auch Absatzmärkte für die Produktion der Industrieländer schafft. Das ist freilich ein etwas „inflationärer“ und daher heute etwas suspekter Gedanke – wie jeder Plan, der auf die Stimulierung der Nachfrage durch Kredit hinausläuft. Kaufmännische und undogmatische Leute – alles in allem britische Eigenschaften – liebäugeln jedoch in dieser Richtung. Die Londoner Financial Times jedenfalls schrieb vor kurzem – sehr unschuldig –: „Im Falle zahlreicher Entwicklungsländer mag eine ‚orthodoxe Finanzpolitik‘ unter gewissen Umständen einen zu hohen Preis (für die Inflationsverhütung) darstellen. Ist der Ausdruck Inflation überhaupt ein brauchbares Konzept, wenn man beispielsweise die indische Situation mit einem Jahreseinkommen von 25 Pfund pro Kopf betrachtet?“ Jacques Stohler