Was ist das Glück? Diese Urfrage beantworten die meisten dadurch, daß sie sich eine Traumwelt bauen, in der zu leben Glück wäre. Als Glücksland galt den Kindern lange Zeit das Schlaraffenland; doch in einer Welt, in der es genug zu essen und zu trinken gibt und in der die Fünf-Tage-Woche zur Regel wird, muß freilich der Glanz eines Paradieses für Faulpelze und Vielfraße verblassen. Atombomben und Staatsbürokratien lassen die Erwachsenen von einem vollkommen anderen Paradies für ihre Kinder träumen. Eins davon lernt man kennen im folgenden Kinderbuch:

James Krüß: „Die glücklichen Inseln hinter dem Winde“; Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg; 144 S., 7,50 DM.

Krüß hat hier die Geschichte eines alten Seebären aufgeschrieben, der mit Schiff und Besatzung plötzlich auf den Glücklichen Inseln landet und dort ein paar Tage lang herumgeführt wird. So lernt er, daß es dort keinen Präsidenten gibt, denn man regiert nach dem ABC: einen Tag lang regieren die Bürger, deren Namen mit einem A beginnt, dann kommen die B-Leute an die Reihe, und so geht es weiter. Es gibt auch keine dummen und bösen Bürger, die zumindest an ihrem Regierungstag das Glück verderben könnten. Glücklich sein nämlich, das heißt: „Man ist gut und gescheit.“

So treiben die Glücklichen Inseln, auf riesigen Flößen aus goldenen Röhren schwimmend, hinter dem Winde durch die Zeit und durch die Träume eines Erwachsenen, und selbst die Ameisenmonarchin ersticht sich freiwillig, um nicht ihren nach Demokratie und Glück verlangenden Untertanen im Wege zu stehen.

Dieser märchenhafte Reisebericht ist ein von weltanschaulichem Ballast und Ressentiments überladenes Buch, das – wie wohl das eines jeden Moralisten – aus der optimistischen Überzeugung der Aufklärung heraus konstruiert und geschrieben wurde, man brauche nur etwas Verstand und Einsicht, um die Menschen klug und gut zu machen. Und damit natürlich auch glücklich. Abgesehen von der Fraglichkeit dieser These – auf die Handlung wirkt sie lähmend. Käpt’n Dados Bericht erinnert tatsächlich an jene belehrenden Bücher, die man zur Zeit der Aufklärung Kindern in die Hand gab. Er klingt wie eine Betriebsreportage aus einer Muster-Glücksherstellungsstätte. Man lernt Produktionsort und -art, verdiente Arbeiter und Ingenieure kennen und kann allen seine Bewunderung nicht versagen. Aber man empfindet keine Begeisterung für das Glücks-Produkt.

Die Personen der Geschichte machen den fehlenden Schwung der Handlung nicht wett. Dado ist zwar dort zu Hause, wo der sentimentalen Touristikreklame zufolge noch Schlichtheit der Sitten und damit tiefere Lebensweisheit und unverdorbenes Gefühl – in diesem Fall fürs Wunderbare – in naiver Fülle bewahrt werden: in Jugoslawien. Doch dadurch erhält er ebensowenig Charakter wie seine Mitreisenden. Jeder ist nur mit einer typisierenden Eigenschaft ausgerüstet, und allen ist zusätzlich die Bewunderung für die Inseln gemeinsam, auf denen Dado und seine Passagiere am Ende Bürger zu werden hoffen,

Es ist schadte, daß die zahllosen phantasievollen Einfälle, die vom erzählerischen Elan des Autors zeugen, nicht in einer Geschichte mit Handlung und lebenden Figuren – und vor allem: für Kinder – zu finden sind. sy