Bis in die jüngste Zeit galt Libyen als eines der ödesten, unfruchtbarsten und hoffnungslos ärmsten Gebiete der Welt. Heute ist diese Auffassung überholt... Denn in Wirklichkeit besitzt Libyen nicht nur reiche, wenn auch noch wenig erschlossene Ölfelder, sondern neben anderen Naturschätzen auch durchaus abbauwürdige Eisenerz- und Pottasche-Vorkommen.

In erster Linie dürfte die zukünftige Entwicklung Libyens von dem Ausbau seiner Ölwirtschaft abhängen. Daß Libyen ein durchaus entwicklungsfähiges Ölland ist, weiß man noch nicht lange. Erst mit der Erschließung der französischen Sahara eröffneten sich auch für Libyen auf diesem Gebiet große Perspektiven. Schon 1955 hatte die libysche Regierung ein Gesetz erlassen, das ausländischen Firmen die Möglichkeit zur Erdölsuche im Lande gibt, und zwar zu recht großzügigen Bedingungen.

Zuerst waren es die Amerikaner, die sich unter Einsatz großer Mittel auf die damals noch gewagte Spekulation der Ölsuche in Libyen einließen. An erster Stelle wird hier die Standard Oil Company of New Jersey (Esso-Gruppe) genannt, sowie ein aus der Ohio Oil Co., Amerada Petroleum Corporation und Continental Oil Co. bestehendes Konsortium. Inzwischen haben sich diesen Pionieren der libyschen Ölsuche noch eine ganze Reihe anderer internationaler Ölgesellschaften angeschlossen, darunter vor allem die British Petroleum, die Shell-Gruppe, sowie auf amerikanischer Seite Socony Mobil und Caltex.

Auch mehrere deutsche Ölgesellschaften sind seit einiger Zeit in Libyen tätig. Als erster gelang es im Frühsommer vorigen Jahres der Gelsenkirchener Bergwerks AG, sich in das kommende libysche Ölgeschäft einzuschalten, indem Gelsenberg-Benzin von der amerikanischen Socony Mobil Gruppe eine 25prozentige Beteiligung an deren Konzession im Libyen erwarb. Für Socony hatte dieses Geschäft den Vorteil, daß die amerikanische Gesellschaft dadurch ihren Anteil am Absatz von Rohöl in der Bundesrepublik nicht unbeträchtlich erweitern konnte.

Im August 1958 erwarb dann die Deutsche Erdöl AG, Hamburg, in der Provinz Fessan eine fast 40 000 qkm große Forschungs- und Gewinnungs-Konzession, die ungefähr 320 km südlich der Hafenstadt Syrte beginnt und sich von dort rund 300 km nach Süden erstreckt. Bereits im Dezember wurde die geologische und geophysikalische Erforschung des Konzessionsgebietes von den DEA-Leuten in Angriff genommen. Nachdem die ersten Ergebnisse befriedigend waren, bildete die DEA im März dieses Jahres gemeinsam mit der Wintershall AG, Kassel, ein Konsortium, an dem die beiden genannten Firmen zu gleichen Teilen beteiligt sind, um die Erschließung des gewaltigen Konzessionsgebietes (das flächenmäßig fast so groß ist wie die Schweiz) voranzutreiben. Die DEA blieb federführend in diesem Konsortium, dessen Sitz in Tripolis ist.

Auch die staatliche italienische Ölgesellschaft E.N.I. hat vor zwei Jahren versucht, in Libyen – einer ehemaligen italienischen Kolonie – Fuß zu fassen. Anläßlich einer Reise, die der damalige Ministerpräsident Mustafa Ben Halim im Frühjahr 1957 nach Rom unternahm, wurde der E.N.I. eine Konzession über 17 000 qkm im Fessangebiet in Aussicht gestellt. Wenige Monate später wurde jedoch der schon in Einzelheiten ausgearbeitete Konzessionsvertrag von der libyschen Regierung ohne nähere Erklärung annulliert. Der Leiter der E.N.I., Mattei, hat Anfang Januar die amerikanische Konkurrenz unumwunden beschuldigt, seinen Vertrag mit Libyen hintertrieben zu haben. Die Konzession, um welche die E.N.I. nachgesucht hatte, war statt an Mattei an die „American Overseas Petroleum“, eine gemeinsame Tochter der Texas Company und der Standard Oil von Kalifornien (Caltex), vergeben worden.

Insgesamt sind von der libyschen Regierung seit 1955 schon Konzessionen an ausländische Ölgesellschaften, die über die Hälfte des Staatsgebietes umfassen, ausgestellt worden.