Zwei Köpfe beherrschen den Wahlkampf in Bremen: Wilhelm Kaisen und Richard Boljahn, beide von der SPD. Dennoch erscheinen sie auf den Plakaten verschiedener Parteien. Der eine, Senatspräsident Kaisen – seit 14 Jahren der Landesvater von Bremen –, ist das Symbol des gemeinsamen Wiederaufbaues der Hansestadt. Auf seine Popularität setzt die Regierungspartei bei ihrer Wahlpropaganda. Der andere, SPD-Fraktionsvorsitzender Boljahn, wird von der DP-Opposition als Schreckgespenst für die bürgerlichen Wähler herausgestellt. Die Deutsche Partei warnt: „Wer Kaisen wählt, wählt auch Boljahn.“

Diese Warnung wird freilich einen Erfolg der SPD kaum verhindern können. Die Sozialdemokraten sind siegessicher. „Kaisen bedeutet für uns zusätzlich sechs bis acht Mandate, und die reichen für die absolute Mehrheit.“ Außerdem vertrauen sie auf ihre Wahlpropaganda, die nach den neuesten Erkenntnissen der Werbepsychologie arbeitet: Die SPD wird wie ein Markenartikel verkauft. Daß die Bremer SPD ein Psychologen-Team engagiert hat, geht im übrigen auf Boljahns Initiative zurück.

Sollten die Sozialdemokraten am 11. Oktober tatsächlich einen großen Sieg erringen, dann wird die Regierungskoalition aus SPD, CDU und FDP – die sich bisher durch erstaunliche Beständigkeit auszeichnete – vor ihrer bisher schwersten Belastungsprobe stehen. Daß sie überhaupt so lange zusammenhielt, ist vor allem Kaisens Verdienst.

Als die Sozialdemokraten bei der letzten Bürgerschaftswahl 1955 von 100 Sitzen 52 gewonnen hatten (CDU : 18, DP : 18, FDP : 8, KPD : 4), da war es Kaisen, der sich am Morgen nach der Wahl für eine Fortsetzung der großen Koalition aussprach, obwohl in seiner Partei diese Frage noch gar nicht entschieden war. Und Kaisen war es auch, der die Genossen um Boljahn davon überzeugte, daß die SPD den Koalitionspartnern keine zu harten Forderungen stellen dürfe. Aber Richard Boljahn hat keinen Zweifel daran gelassen, daß seine Freunde die Koalition nach einem eindeutig gen SPD-Sieg nicht mehr unter den bisherigen Bedingungen fortsetzen wollen. „Wir werden härtere Bandagen anziehen. Wenn sie unser Koalitionsprogramm nicht unterschreiben – gut, wir können auch ohne sie regieren.“ Je deutlicher also der Sieg der SPD ausfällt, um so schwieriger wird es für Kaisen, die Heißsporne in seiner Partei zu zügeln.

CDU und FDP waren bei diesem Wahlkampf in einer schwierigen Position. Auch sie mußten sich ja auf die Erfolge der Koalitionsregierung berufen, die nun einmal unter SPD-Führung steht. Ihre Kritik – die SPD sei bei der Ausgabenbewilligung zu leichtfertig, und beim Wohnungs- und Hafenbau würde die Privatinitiative zu wenig gefördert – ließ sich nicht recht in einen schmissigen Wahlschlager ummünzen. Die CDU ist noch zusätzlich dadurch belastet, daß zwei Wochen vor der Wahl 54 Mitglieder geräuschvoll aus der Partei austraten. Ihre Begründung: Die Bremer CDU habe durch ihre Zusammenarbeit mit der SPD ihre politischen Grundsätze verraten. Auch die FDP, die schon bei der letzten Bundestagswahl nur noch 5,8 v. H. der Stimmen auf sich vereinigte, macht sich – trotz ihres traditionellen Wählerstamms unter den Kaufleuten – Sorgen über den Wahlausgang.

Wie auch immer das Ergebnis im einzelnen ausfallen wird, zweierlei gilt als sicher: 1. Die DP wird weiter in der Opposition bleiben (von Boljahn bis zum CDU-Landesvorsitzenden Noltenius gibt es nur eine Meinung: „Mit dieser Partei keine Koalition“); 2. die Weichen für die Politik der nächsten vier Jahre werden in der SPD-Fraktion gestellt. Wie sie gestellt werden, hängt davon ab, ob sich Kaisen oder Boljahn durchsetzen wird. Zwischen den beiden SPD-Führern bestehen – trotz gegenseitigen Respekts – politische und menschliche Spannungen. Ist der eine der Patriarch Bremens, so ist der andere der Volkstribun der Hansestadt.

Boljahn hat sich eine einflußreiche Position geschaffen: Er ist Fraktionsvorsitzender der SPD, Aufsichtsratsvorsitzender der GEWOBA, jener Gesellschaft, die in Bremen Zehntausende von Wohnungen baut, und er ist schließlich Vorsitzender des DGB, der im Lande 110 000 eingeschriebene Mitglieder hat. Boljahn kann sich also auf eine solide Hausmacht stützen. Er hat sich „hochgestrampelt“, wie er selber sagt; seine Gegner meinen: durchgeboxt sei der zutreffendere Ausdruck. „Wer verliert, hat Pech gehabt“, ist seine Devise.