Einen knappen Monat nach ihrem Volltreffer auf den Mond ist den russischen Raketentechnikern ein noch erstaunlicheres Experiment gelungen. Am 2. Jahrestag des Starts von Sputnik I (der inzwischen verglüht ist) schossen sie einen Fünf-Zentner-Satelliten auf eine Bahn um den Mond. Die Fernsehaugen des kosmischen Ungetüms sollen zum erstenmal die der Erde abgewandte Mondseite erblicken und das, was sie sehen, in Form von Funkbildern zur Erde senden.

Aus den Bahnabweichungen des Mondsatelliten hoffen die Russen Aufschlüsse darüber zu erhalten, wie die Masse des Mondes verteilt ist. Außerdem soll Lunik III die Arbeit künftiger Mond-Vermessungssatelliten vorbereiten. Die kartographische Erfassung der Mondoberfläche, so erklären russische Fachleute, sei wichtig, um einen geeigneten Landeplatz für das erste bemannte Mondschiff ausfindig zu machen.

Die neue Mondrakete hat bewiesen, daß der Vorsprung der russischen Raketentechnik gegenüber der amerikanischen doch recht beträchtlich ist. Während die Amerikaner noch immer mit Startschwierigkeiten kämpfen, haben sich die Russen auf den erdnächsten Himmelskörper schon „eingeschossen“.

Das ist eine Leistung, der höchste Anerkennung gebührt, denn allein schon der Vorgang des Zielens ist äußerst kompliziert. Weil sich die Erde dreht, bewegt sich auch der Schießstand, in diesem Fall die russische Raketenbasis in der Hungersteppe am Aralsee. Das Ziel, der Mond, fliegt seinerseits mit dreifacher Schallgeschwindigkeit auf einer schräg zur irdischen Äquatorebene geneigten Ellipsenbahn. Obendrein bewegen sich beide Himmelskörper noch um die Sonne. Den Mond zu erreichen, ähnelt einer Spezialübung für Meisterschützen, die aus einem kreisenden Karussell ein winziges, weit entferntes und sich bewegendes Ziel treffen sollen.

Dieses Beispiel läßt auch ahnen, um wieviel schwieriger es ist, in einer wohlberechneten Distanz am Mond vorbeizuschießen, und zwar so schnell oder so langsam, daß das Geschoß von dem Schwerefeld des Mondes eingefangen wird und ihn künftig umkreist. Nur während der wenige Minuten dauernden Antriebsphase der Rakete, also in der Zeit vom Zünden bis zum Ausbrennen der Treibsätze, ist es möglich, Richtung und Geschwindigkeit einer Mondrakete zu korrigieren. Bei Brennschluß müssen Richtung und Geschwindigkeit haargenau den Berechnungen entsprechen, denn von diesem Augenblick an ist die Rakete antriebslos den Schwerkraftfeldern der Erde, der Sonne und des Mondes ausgeliefert.

Auf ihrer kosmischen Reise in Richtung Mond hat die russische Rakete nach einem Flug von etwa 346 000 Kilometern die sogenannte „neutrale Linie“ passiert, hinter der die Anziehungskraft des Mondes die der Erde überwiegt. Bald darauf setzte ein Federmechanismus den Fünf-Zentner-Satelliten frei. Es war der neuralgische Punkt des Unternehmens. Sollte der Satellit richtig auf eine Bahn um den Mond gelangen, so mußte er im Augenblick des Freiwerdens so schnell und so genau fliegen, daß die Schwerkraft des Mondes seiner Zentrifugalkraft gerade die Waage hielt. Hätte die Fliehkraft bei dem Mondsatelliten der Russen nicht gestimmt, so wäre er „ausgebrochen“. Er wäre entweder in die Mondkrater gefallen oder ins All entwichen und als Sonnensatellit ein neuer Planet geworden.

Nun soll der russische Mondsatellit aber nicht nur um den Mond kreisen, sondern auch wieder in den Umkreis der Erde zurückkehren. Er muß also Zusatzraketen an Bord haben, die ihn nach seinem Rundflug wieder aus der Schwerkraft des Mondes befreien. Während des Rückfluges aber sollen die Magnetbänder des Fernsehgerätes abspulen und die Fotos von der unbekannten Mondrückseite über einen Sender zur Erde funken.