Stationen eines fahrenden Kongresses – Notizen vom Fremdenverkehrstag in Wiesbaden

Fremdenverkehrsleute reisen natürlich selbst gern, wie kämen sie wohl sonst zu ihrem Beruf. Wenn sie tagen, sind sie unterwegs. Der VI. Fremdenverkehrstag begann in der Kongreßstadt Wiesbaden. Dort erprobten sie – diesmal – der Fremdenverkehrstag findet alle drei Jahre statt – die Leistungen der einzelnen Gewerbezweige, die in Verbänden der „Zentrale für Fremdenverkehr“ angehören. Neue. Hotels und alte Gaststätten, Weingüter im nahen Rheingau. Prosit!

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Es wurde viel geredet über den Wirtschaftszweig Fremdenverkehr – der nach Millionen Übernachtungen und Milliarden Deviseneinnahmen und -ausgaben gezählt wird. Ein Sorgenthema war diesmal der „Fremdenführer“. Er ist in seiner bisherigen Gestalt nicht mehr zeitgemäß. Er soll nicht mehr mit dem Schlüsselbund in den Burgen und Schlössern rasseln und Historie in „Dönkes“ wiedergeben. Er soll sich an die Wahrheit halten. Dazu muß er sie kennen.

Jener auf dem Petersplatz in Rom, der inmitten einer Touristenschar von einem Vorübergehenden gefragt wurde: „Wie komme ich hier zur Laokoon-Gruppe?“ und darauf antwortete: „Das weiß ich nicht; wir sind die Rotupa-Gruppe“, ist kein Vorbild.

Glückliches Griechenland. Dort sind die Fremdenführerinnen junge, charmante Damen aus gebildeten Familien, die ein Spezialstudium absolvieren und ihr schönes Land so lieben, daß es sich dem Fremden mitteilen würde, selbst wenn sie seine Sprache nicht so vollkommen beherrschten, wie sie es in Wirklichkeit tun. Viele Nationen gehen mit Phantasie neue Wege, die dazu führen sollen, noch mehr Fremde anzulocken.

DerFremdenführer soll sein Publikum anvi sieren und, es individuell ansprechen. Das heißt aber, nicht, daß er einzelne Touristen einer Gruppe bevorzugen darf; er muß sie alle gleichmäßig interessieren und zusammenhalten. Jeder kann und soll Fremdenführer sein, die ganze Bevölkerung eines Ortes, die Polizei... Ein Amateur soll der Fremdenführer sein, auch wenn er diesen Beruf zu Geld macht: Routine fesselt nicht, Studenten sind begeisterungsfähig, man nimmt sie gern, obwohl sie nicht lange genug an einem Ort bleiben. Die Rentner, die pensionierten Lehrer und Professoren unter ihnen sollen lernen (in Schulen), daß die Fremden nicht nur über archäologische Funde, sondern auch über die soziologische Struktur, über Schulen, Wohlfahrtseinrichtungen unterrichtet werden sollen. So landen neuerdings Stadtführungen in Skandinavien, aber auch in deutschen Städten, regelmäßig auch in Altersheimen, ob der Tourist will oder nicht. Für neue Abarten des Fremdenführers, die Stewardessen in Bussen und Flugzeugen, die Reiseleiter, wird ein neuer Stil gemacht. Es gibt Hartgesottene unter ihnen; sie reden mit eigenem Fachjargon vom „Abkochen einer Reisegruppe“, dem eiligen Bestreben, schnell mit ihnen fertig zu werden. Reisen sei ein Vergnügen? Reisen bildet? Reisen diene der Erholung, der Weiterbildung, der Lebenskunst, der inneren Bereicherung? Diejenigen, die den Gästen das Vergnügen bereiten, werden oft müde und hart dabei: Aber es soll nicht so sein.