Mit der Wahl des kleinen kalifornischen Gebirgsortes Squaw Valley zum Austragungsort der VIII. Olympischen Winterspiele im nächsten Jahr hat sich das Internationale Olympische Comité (IOC) wohl selbst ein deftiges Kuckucksei in sein Nest gelegt. Die Nähe Hollywoods wirkte offenbar anregend. Dort regiert der Rummel, und in Squaw Valley wird es im kommenden Frühjahr nicht anders sein. Dafür wird Walt Disney sorgen, den man zum Zeremonienmeister dieser Spiele gemacht hat und der anscheinend den Ehrgeiz hat, aus Sportkämpfen eine regelrechte Revue mit Olympiastars zu machen. Von der Eröffnungsfeier bis zur Schlußkundgebung soll alles überboten werden, was man bislang auf Olympischen Spielen erlebt hat. Schon heute spricht man nur noch in Superlativen. Ein tausendköpfiges Orchester und ein zweitausendstimmiger Chor werden vor dem fünfundzwanzig Meter hohen „Turm der Nationen“ und unter den zweihundert Meter hoch gehißten Flaggen der teilnehmenden Länder eine Olympische Hymne in die Winterluft hinausschmettern, wie man sie nach Erklärungen des Erfinders der Mickey Mouse in dessen, das ist mitnichten alles: Ein gewaltiges dieser Lautstärke noch niemals gehört hat. In-Vergnügungsprogramm wird für die Entspannung der zwölfhundert Wettkämpfer sorgen. Das beginnt schon zehn Tage vor dem Kämpfen. Täglich locken attraktive Genüsse wie Filmvorführungen, Dancing-parties und Revuen, in denen bekannte Olympioniken oder solche, die es erst in Squaw Valley werden wollen, ihre ersten Schritte auf der Kabarettbühne tun können. Soll damit der „olympischen Idee“ gedient werden? War es ehedem nicht verpönt, um die Spiele geschäftig (und geschäftlich?) einen grellen Vergnügungskranz zu flechten? Wie die Antwort auch ausfällt, die sich Meister Disney auf solche Fragen geben mag – was er verheißt, sind Rekorde, natürlich: Eine Großküche wird dafür sorgen, daß alle fünfzehnhundert Aktiven und Funktionäre auf einer Schlag gemeinsam ihre Mahlzeiten einnehmen können; Wäschereien, Friseurstuben, besonders komfortable Schönheitssalons für die Sportlerinnen, ferner Saunas in großer Zahl, Gymnastikhallen und ein medizinisches Zentrum, und alles zu Diensten der „seelischen und körperlichen Betreuung“. Man fragt sich freilich, wie das in Zukunft werden soll, wenn die Winterspiele in Ländern stattfinden, die nicht so ungeheuer viel Geld haben wie das wohlhabende Amerika? Früher zeichneten sich die Olympischen Spiele durch Bescheidenheit und Ernst aus, heute sorgt ein eigens engagierter Vergnügungschef für Klamauk und Angabe. Der olympische Sportplatz als Jahrmarktsplatz – müßte einem dabei um den Sport nicht bange werden? w. f. k.