Von Walter Abendroth

Die Mutter der Musen heißt Muße. Sowohl das künstlerische Schaffen wie der künstlerische Genuß haben zur Voraussetzung einen Zustand der Kontemplation, der sich dem modernen „Tempo“ nicht mehr so leicht abringen läßt. Es ist daher auch gar nicht verwunderlich, daß unserer atemlosen, schnellebigen Zeit das Verständnis für gewisse althergebrachte Gesetze des Musischen abhanden zu kommen droht. Das ist der Grund dafür, daß Eklektizismus heute einen so schlechten – als kritisches Resümee geradezu vernichtenden – Klang hat.

Welch ein Unfug aber ist es doch, wenn, wie jetzt eigentlich allgemein üblich, von jedem neu hervortretenden Talent erwartet und verlangt wird, es solle sich durch Originalität legitimieren! Originalität ist etwas, zu dem hin sich eine Begabung erst entwickelt. Am Anfang hingegen ist jedes unbefangene, gesunde Talent durchaus eklektisch. Es trifft unter dem Vorhandenen eine „Auslese“, es „sucht sich aus“, was seiner Natur gemäß, seiner Entwicklung dienlich ist.

Vielen Kritikern scheint es heute offenbar eine zu anstrengende Zumutung, in dieser natürlichen Verpuppung bereits die Zeichen besonderer Fähigkeiten erkennen zu sollen, und daher dringen sie von vornherein auf Originalitätsbeweise. Was eine hektische Sucht nach immer neuen äußeren Wirkungsmitteln zur Folge hat, in der sich so viele junge Begabungen verzetteln.

Als Ausnahmeerscheinungen gab es solche forcierten „Originalen“ schon immer. Goethe hat ihnen einen seiner ungnädigsten Stammbuchverse gewidmet:

„Ein Quidam sagt: ‚Ich bin von keiner Schule;

Kein Meister lebt, mit dem ich buhle;