Von Ruth Herrmann

Im tobenden Sturm, tausend Meter hoch in den Wäldern des Schweizer Jura, begibt sich die Geschichte des stummen Jungen Lothar Ferro, genannt Loth. Er ist als Hilfsarbeiter dorthin gekommen zu einer Straßenbaustelle, an der schon zwölf Männer arbeiten, die zusammen in einer Baracke wohnen. Einer von den zwölf ist Loths Vater; nach vielen Jahren im Gefängnis erkennt er den herangewachsenen Sohn nicht. Dieser Vater ist schuld daran, daß Loths Mutter umkam und der Junge die Sprache verlor. Als er am Ende seine Sprache wiederfindet, ist sein erstes Wort: „Vater“. Soweit, kurz skizziert, Szenerie und Grundriß des Romans von

Otto F. Walter: „Der Stumme“; Kösel Verlag, München; 283 S., 13,80 DM.

Dieses erste Buch des 1928 geborenen Schweizers hat eine hochspannende Handlung, eine raffiniertmoderne künstlerische Form, und es stellt psychische Untergründe in wunderbarer Schwebe dar, gleich weit von pseudotiefer Dunkelheit entfernt wie von der Pseudo-Klarheit der Vereinacher.

Die Handlung verläuft in zwei Schichten: Gegenwart und Kindheit des Jungen. Die Einblendungen der Vergangenheit sind Teil der kunstvollen Form. Ein anderes Stilmittel dieses Romans ist die Spiegelung der Vorgänge in denen, die sie miterleben: in den Männern, die zur Baustelle gehören. Die Beteiligten werden ermuntert, sich doch zu erinnern und sich bewußt zu machen, was in ihnen selber denn vorgegangen ist. So spiegelt sich in den elf Arbeitern, was mit Ferro Vater und Sohn da oben in Sturm und Regen – zwischen Schutt und Geröll draußen, Qualm und Schnaps drinnen – geschieht.

Walter beherrscht das Handwerk der modernen Literatur. Unverkennbar, daß er viel gelesen hat und weiß, wie man so etwas macht. Kein Wunder, er selber ist Verleger. Er liebt es, darstellend einzukreisen und dadurch-schließlich auch das zu fassen, was sich direkt nicht darstellen läßt. Mit subtilen Mitteln schildert er auch Verborgenes, dem Intellekt schwer Greifbares. Er gewinnt den Leser für seine Figuren, die jenseits von Sympathie oder Antipathie leben und erschüttern.

Am Schluß büßt der Schuldige, der Unschuldige wird erlöst, die Gerechtigkeit des Märchens nimmt ihren Lauf. Während der Autor es sonst weise vermeidet, moralisch zu werten, zieht er am Ende nun die moralische Summe.