Die „DDR“ verlangt zuviel von den Menschen, die Bundesrepublik zuwenig

Von Fritz René Allemann

Als die Bundesrepublik im Sommer den zehnten Jahrestag ihres Grundgesetzes und damit der Staatsgründung von 1949 beging, feierte sie die Vollendung ihrer ersten Dekade mit jener zurückhaltenden Scheu vor dem großen Pathos, die ihren nüchternen Stil von Anfang an gekennzeichnet hat. Der Ostzonenstaat, der nunmehr vor zehn Jahren formell ins Leben gerufen wurde, legt sich keine solche Reserve auf.

Die ganze Bevölkerung im Herrschaftsbereich Ulbrichts ist aufgeboten worden, in einer Fülle von Volksfesten, Manifestationen, Kundgebungen und – vor allem – „Selbstverpflichtungen“ zu härterer und schwererer Arbeit den Geburtstag jener „Deutschen Demokratischen Republik“ zu verherrlichen, die weder deutsch noch demokratisch, sondern sowjetisch und totalitär ist.

Der Unterschied im Stile der Feiern muß zu denken geben. Die Bundesrepublik hat ihren Bürgern ja nicht nur zu einem Wohlstand verhelfen, der vor einem Jahrzehnt noch kaum auszudenken war (und sie hat trotz allem Spott über das „Wirtschaftswunder“ wahrhaftig keinen Grund, diese Leistung gering zu achten), sie ist auch in der Lage gewesen, ihnen persönliche Freiheit, Rechtssicherheit und nicht zuletzt dadurch auch internationales Ansehen zu sichern. Und doch hat sie es nicht gewagt oder nicht vermocht, die Feier des Dezenniums zu einem Fest aller seiner Bürger werden zu lassen.

Gewiß, man kann sehr wohl der Meinung sein, zu feiern zieme sich erst, wenn nicht nur ein Teil der Nation, sondern alle Deutschen dieser Güter teilhaftig geworden seien. Und doch möchte man sich fragen, ob in solcher noch so ehrenwerten Selbstbeschränkung nicht auch ein Mangel liegt – ein Mangel nicht allein an Staatsbewußtsein, sondern auch an Dankbarkeit. Haben die Westdeutschen es am Ende verlernt, sich ihres Gemeinwesens – auch des noch unvollendeten – nicht nur zu rühmen, sondern auch zu freuen? Oder haben sie es nie gelernt?

Mit Trara und schmetternden Fanfaren, mit Transparenten und Flaggen, aber auch mit Zirkusvorstellungen und öffentlichem Tanz erinnert die „DDR“ an ihr zehnjähriges Bestehen und brüstet sich ihrer Erfolge. Es mag verlockend sein, diese Schaustellung zu ironisieren. Aber ich glaube, es wäre zu billig, wie denn überhaupt für den Westen eine Gefahr darin liegt, die „DDR“ nicht ernst genug zu nehmen.