Pipeline von der Wolga bis zur Oder

an, Schwedt

Bisher kannte man das idyllische Städtchen Schwedt an der Oder als einstige Garnison eines berühmten Reiterregimentes und deshalb, weil es hier eine kulinarische Spezialität gab: die Neunaugen. Jetzt aber ist Schwedt, das 6400 Einwohner zählt, ein neuer Begriff geworden: Dort wird ein Erdölkombinat aus dem dürftigen Boden gestampft, das zu den "Schwerpunktprojekten" des Siebenjahrplans der Sowjetzone zählt.

Dreißig Hektar Kiefernwald haben bereits der "Großbaustelle des Sozialismus" weichen müssen, die ihrem Umfang und ihrer Bedeutung nach nur mit den beiden Paradebauvorhaben "Eisenhüttenkombinat Ost" bei Stalinstadt an der Oder und "Braunkohlenwerk Schwarze Pumpe" in der Lausitz verglichen werden kann.

In den freigeholzten Lichtungen wühlen Bagger das Erdreich um und heben Fundamentgruben aus; Planierraupen rasseln durch die Wälder, um einen 12 Kilometer langen Zufahrtsweg zu bahnen. Auf dem Arbeitsgelände von 16 Quadratkilometern Ausdehnung wimmelt es von jungen Leuten. Von fünf Menschen, die hier arbeiten, sind vier jünger als 25 Jahre: Der Bau des Ölverarbeitungswerks Schwedt ist nämlich zum "zentralen Jugendobjekt" erklärt worden. Im "Programm der jungen Generation für den Sieg des Sozialismus", dem im Mai auf dem Rostocker "Jugend-Parlament" angenommenen FDJ-Einsatzplan, heißt es dazu:

"Alle jungen Menschen in unserer Republik sollen Gelegenheit haben, ihren Willen, gute Taten zu vollbringen, auch auf besondere Weise auszudrücken. Deshalb beteiligen wir uns alle aktiv am Bau unseres zentralen Jugendobjekts: des großen Erdölkombinats mit der Erdölleitung, die aus der Sowjetunion in unsere Republik führen wird, und dem Erdölverarbeitungswerk, das für die Entwicklung der Erdölchemie in unserer Republik entscheidende Bedeutung haben wird."

Die Staatsjugendorganisation hat inzwischen kräftig die Werbetrommel gerührt, denn sie mußte 4000 junge Bauarbeiter von anderen Baustellen weglocken und an die Oder in Marsch setzen. Daneben hatte sie noch "freiwillige Arbeitsbrigaden" aufzustellen, die schubweise zum Planieren und Ausschachten eingesetzt werden. In staatseigenen Betrieben, Oberschulen und Universitäten legten die Jugendfunktionäre "Schwedt-Listen" aus, aber es bedurfte langwieriger Diskussionen, bis das Einzeichnungssoll erfüllt war.

Die Jungarbeiter, Schüler und Studenten, die in diesem Sommer bei Schwedt Wege ebneten, Kabelgräben aushoben und Fundamente ausschachteten, kehrten ohne rechte Vorstellung davon zurück, wie das geplante Werk einmal aussehen soll. Zwei Jahre lang dauern die Vorbereitungsarbeiten. Die Montage der technischen Einrichtungen, der Aufbau der Crackanlagen, der eigentliche Bau des Werks also, soll erst 1961 beginnen. Bis dahin wird auch die "sozialistische Wohnstadt" für 12 000 Menschen über das Planung-Stadium hinaus sein. Vorläufig existiert sie nur auf dem Papier – mit genormten Wohnblocks, Schulen, Kindergärten, "Kulturzentren", einer Großmolkerei und einer Fleischwaren- und Brotfabrik. Ähnlich wie Stalinstadt neben dem kleinen Fischerdörfchen Fürstenberg aus der Oderniederung wuchs, soll hier bei Schwedt eine neue Stadt für Ölarbeiter entstehen, in der es keinen privaten Laden, keine "gutbürgerliche" Kneipe und auch keine Kirche geben wird. Die Pläne liegen vor, nur über den Namen besteht noch keine Klarheit.

Pipeline von der Wolga bis zur Oder

Wo die gelernten Arbeiter herkommen sollen, die laut Plan 1963 das Werk in Betrieb nehmen, ist indes ein Geheimnis der Pankower Staatsplaner. Zwar ist den Schulen im Bezirk Frankfurt der Auftrag erteilt worden, den Unterricht in Petrol-Chemie zu forcieren. Und auch in den mecklenburgischen Volkshochschulen sind Chemie-Lehrgänge eingerichtet worden, die den Hörern ein "umfassendes Ausbildungsprogramm für die Arbeit an der Ölstraße" vermitteln sollen. Aber mit diesen Kursen allein läßt sich die Personalfrage nicht lösen.

Für das Kombinat und für die projektierte Wohnstadt gelten freilich besondere Gesetze. "Schwedt" ist das Schlüsselwort für höchste Dringlichkeit und für unbestrittenen Vorrang bei der Zuweisung von Arbeitskräften, der Materiallieferung und der Versorgung mit Maschinen. Günther Springer, der "Vorsitzende des Rats des Bezirks" Frankfurt/Oder (für westliche Begriffe: der zuständige Regierungspräsident), gab auf der "territorialen Wirtschaftskonferenz" seines Bezirks die Gründe für diese, zu Lasten der anderen Baustellen gehende Bevorzugung an:

"Die großen Bauvorhaben müssen im Interesse der gesamten Republik vorrangig fertiggestellt werden, weil die Produktion dieser Betriebe vielfältig in die Fertigungsprozesse anderer Industriezweige der Republik und des gesamten sozialistischen Lagers eingreift."

Er sprach damit aus, was in der Zonenpresse sonst geflissentlich übergangen wird: Das Schwerter Kombinat soll nicht nur für Mitteldeutschland allein produzieren, sondern einen Teil der Gesamtbedürfnisse des Ostblocks an Treibstoff, Heizöl, Bitumen und Kunststoffen decken. Das Werk, an der Oder ist Teilstück eines großen, den gesamten Ostblock umfassenden Programms für die Vergrößerung der Chemieproduktion.

In Schwedt wird in wenigen Jahren – nach den Plänen spätestens 1963 – ein Strang des Pipeline-Netzes enden, mit dem die osteuropäischen Staaten mit sowjetischem Erdöl versorgt werden sollen. Von Kuibyschew an der Wolga soll der Rohstoff in einer mehr als 4000 Kilometer langen unterirdischen Pipeline mit 20 Pumpstationen nach Schwedt befördert werden. 1965 sollen dort bereits 4,8 Millionen Tonnen Erdöl verarbeitet werden. Genau wie das nur wenige Autostunden entfernte Stalinstadt-Kombinat wird das neue Werk also völlig auf sowjetische Zufuhren angewiesen sein.