Wo die gelernten Arbeiter herkommen sollen, die laut Plan 1963 das Werk in Betrieb nehmen, ist indes ein Geheimnis der Pankower Staatsplaner. Zwar ist den Schulen im Bezirk Frankfurt der Auftrag erteilt worden, den Unterricht in Petrol-Chemie zu forcieren. Und auch in den mecklenburgischen Volkshochschulen sind Chemie-Lehrgänge eingerichtet worden, die den Hörern ein "umfassendes Ausbildungsprogramm für die Arbeit an der Ölstraße" vermitteln sollen. Aber mit diesen Kursen allein läßt sich die Personalfrage nicht lösen.

Für das Kombinat und für die projektierte Wohnstadt gelten freilich besondere Gesetze. "Schwedt" ist das Schlüsselwort für höchste Dringlichkeit und für unbestrittenen Vorrang bei der Zuweisung von Arbeitskräften, der Materiallieferung und der Versorgung mit Maschinen. Günther Springer, der "Vorsitzende des Rats des Bezirks" Frankfurt/Oder (für westliche Begriffe: der zuständige Regierungspräsident), gab auf der "territorialen Wirtschaftskonferenz" seines Bezirks die Gründe für diese, zu Lasten der anderen Baustellen gehende Bevorzugung an:

"Die großen Bauvorhaben müssen im Interesse der gesamten Republik vorrangig fertiggestellt werden, weil die Produktion dieser Betriebe vielfältig in die Fertigungsprozesse anderer Industriezweige der Republik und des gesamten sozialistischen Lagers eingreift."

Er sprach damit aus, was in der Zonenpresse sonst geflissentlich übergangen wird: Das Schwerter Kombinat soll nicht nur für Mitteldeutschland allein produzieren, sondern einen Teil der Gesamtbedürfnisse des Ostblocks an Treibstoff, Heizöl, Bitumen und Kunststoffen decken. Das Werk, an der Oder ist Teilstück eines großen, den gesamten Ostblock umfassenden Programms für die Vergrößerung der Chemieproduktion.

In Schwedt wird in wenigen Jahren – nach den Plänen spätestens 1963 – ein Strang des Pipeline-Netzes enden, mit dem die osteuropäischen Staaten mit sowjetischem Erdöl versorgt werden sollen. Von Kuibyschew an der Wolga soll der Rohstoff in einer mehr als 4000 Kilometer langen unterirdischen Pipeline mit 20 Pumpstationen nach Schwedt befördert werden. 1965 sollen dort bereits 4,8 Millionen Tonnen Erdöl verarbeitet werden. Genau wie das nur wenige Autostunden entfernte Stalinstadt-Kombinat wird das neue Werk also völlig auf sowjetische Zufuhren angewiesen sein.