London, im Oktober

Wenn auch der Ausgang der englischen Parlamentswahlen in dieser letzten Woche noch völlig offen war, so stand ein Verlierer doch schon eindeutig fest: die Meinungsforschungsinstitute, deren Prophetie im Lande von Tag zu Tag weniger gilt.

Zwar ist es richtig, daß die Meinungsforscher immer wieder zu einer vorsichtigen Auslegung ihrer Umfrage-Ergebnisse gemahnt haben, auch mag wohl zutreffen, daß sie sich selbst keineswegs als Propheten betrachten, aber sie haben sich, so meinen viele, doch recht gern in diese Rolle drängen lassen. Fast täglich veröffentlichten die Zeitungen die Befragungsergebnisse, und es war nur zu verständlich, daß rührige Redakteure und Vertriebsleiter dazu neigten, sie als der Wahl-Analysen letzten Schluß auszugeben und als unumstößliche Voraussagen aufzumachen.

Am Anfang des Wahlkampfes, als die Konservativen noch mit einem großen Vorsprung (acht v. H.) vor der Labour Party lagen, schien dies durchaus glaubhaft; doch in der letzten Woche vor der Wahl änderte sich das Bild. Die beiden Parteien lagen in der Gunst der Befragten Kopf an Kopf – auf jeden Fall so dicht beieinander, daß sich keine sicheren Voraussagen mehr über den Wahlausgang machen ließen. Zwei Prozent mehr oder weniger – die Irrtums-Marge, mit der die Meinungsforscher stets rechnen müssen – konnten den Ausschlag zwischen Sieg und Niederlage geben.

Überdies sagten die Umfragen zwar etwas über den Prozentsatz der Wähler aus, die für die eine oder die andere Partei zu stimmen gedachten, aber sie konnten nicht voraussagen, wie hoch die Wahlbeteiligung tatsächlich sein würde. So kam es, daß die Meinungsforscher am Vorabend der Wahl als ziemlich ratlose, zerzauste Propheten vor der Öffentlichkeit standen.

„Was nützen die Meinungsumfragen schon, wenn sie nicht einmal verraten können, wer gewinnen, wird?“ Diese Frage war in England immer häufiger zu hören. Und es gab viele, die sich überlegten, ob nicht überhaupt die Umfragen auf unzulässige Weise in den Prozeß der demokratischen Willensbildung eingriffen. Hier und da ist sogar die Frage aufgeworfen worden, ob Meinungsbefragungen während des Wahlkampfes in Zukunft nicht am besten verboten würden. Die Meinungsforschung, so argumentieren manche, werde in solchen Zeiten zur Meinungsbeeinflussung. Der Wähler bilde sich seine Meinung dann leicht nach den Erfolgsmeldungen der Statistiker statt nach sachlich-politischen Gesichtspunkten.

Ohne Zweifel hatten die ersten Umfrage-Resultate, die auf einen großen konservativen Vorsprung hindeuteten, die für die Regierungspartei fatale Folge, daß ihre Wahlwerber die Schlacht schon für gewonnen hielten, ehe sie noch recht begonnen hatte. Die konservativen Parteifunktionäre redeten sich ein, es sei kaum noch nötig, sich groß ins Zeug zu legen, da ihnen der Sieg doch sicher sei, während die Sozialisten zunächst in hilflose Apathie versanken. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Labour-Führung hochrappelte und zu einem kräftigen Endspurt ansetzte.