Von Hansgeorg Maier

Der schwedische Literaturaußenseiter Svend Fagerberg ist ein weitgereister Diplomingenieur (sein Fachgebiet ist Kältetechnik). Er ist ein vielbewanderter Humanist, dem seine Studie über T. S. Eliot und James Joyce bereits einen Literäturpreis eingebracht hat. Überdies ist er ein auf Carl Gustav Jung eingeschworener Adept der Tiefenpsychologie.

Sein nunmehr in ausgezeichneter Übersetzung vorliegender erster Roman „Höknatt“ weist ihn als produktiven Experimentator auf dem vieldurchpflügten Acker zeitgenössischer Epik aus:

Sven Fagerberg: „Habichtsnacht“, aus dem Schwedischen von Herbert A. Frenzel; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 315 S., 15,80 DM.

Mit dem Romantitel meint der Autor die längste Nacht, in der man im hohen Norden vor Jahr und Tag Habichte zu opfern pflegte: als Beschwörung der Wiederkehr der steigenden Sonne. Die Habichtsnacht, heißt es in einem der vierzehn Kapitel des Romans, „war die längste, aber auch die letzte Nacht, ehe die Tage wieder wuchsen: Habichtsnacht, Endnacht, Hoffnungsnacht“.

Das ist eine vom Autor nicht besonders akzentuierte Interpretation des Buchtitels. Sie auf das Romangeschehen zu beziehen, bleibt der Einsicht des Lesers anheimgestellt, der es hier beileibe nicht mit einem skandinavischen Saga-Roman herkömmlichen Zuschnitts zu tun hat. Statt dessen wird ihm in erzählerischer Verkleidung das Protokoll einer Persönlichkeitsanalyse im Sinne von C. G. Jung unterbreitet,

Nicht sukzessive von Altersstufe zu Altersstufe wird denn auch die Lebensgeschichte des Bordfunkers Marten vergegenwärtigt: Der Erzähler, der sich beängstigend gut auf Entwurf und Ausmalung von archetypischen Träumen versteht, blättert im Lebensbuch seiner Hauptfigur beharrlich hin und her. Ungemein bildhaft rekapituliert er die Jugendjahre und die militärische Ausbildungszeit des Stockholmer Ingenieursohnes und holt ganz zuletzt noch früheste Kindheitserlebnisse nach. Die „infantilen“ Beziehungen zu den Eltern ergänzen das Seelenspektrum eines Menschen, der nicht davor zurückschreckt, unter japanischen Mönchen des Zen-Buddhismus nach Selbstfindung zu trachten – bis die Luftverkehrsgesellschaft, auf deren globalen Routen er Dienst tut, ihn aus dem Fernen Osten zurückbeordert.