Nekrologe haben etwas Mißliches. Ein Nekrolog

für Gerard Hoffnung ist unmöglich. Müßte er doch, um den Regeln feinen Betragens zu entsprechen, just in dem Tone gehalten sein, den Gerard so verabscheute: würdevoller Ernst und feierliches Pathos.

Gerard Hoffnung, Wahl-Engländer deutschjüdischer Herkunft, liebte das Leben und hat mit 34 Jahren sterben müssen – nicht, wie junge Leute so sterben, bei einer Messerstecherei oder doch wenigstens bei einem Autounfall, sondern wie einer, der wirklich mit seinem Leben am Ende ist: Schlaganfall.

Vielleicht war Gerard am Ende. Schon als ich das letzte Mal mit ihm zusammensaß, hatte ich das Gefühl, neben einem alten Mann zu sitzen: Er war damals noch, nicht dreißig. Wir spielten eines jener Gesellschaftsspiele, wie sie beim englischen Rundfunk gerne gespielt werden. Es hieß ‚One Minute Please‘ und hatte komplizierte Regeln, die nichts daran änderten, daß das Ganze Blödsinn war – Blödsinn freilich von jener höheren Art, wie sie in England als Antitoxin gegen vernünftige Alltagsgeschäfte wie Geschirrspülen und Geschäftemachen liebevoll kultiviert wird.

Gerard war großartig in diesem Spiel, unschlagbar blödsinnig. In allen gegen das Pathos vernünftigen Betragens gerichteten Spielen war er unschlagbar: ob er als Karikaturist mit penibler Genauigkeit die Mutter des Tausendfüßlers beim Stopfen von Socken zeichnete; ob er als Musiker geängstigten Nachbarn erklärte, warum er täglich zwei Stunden auf seinem Lieblingsinstrument üben müsse, und warum sein Lieblingsinstrument die Tuba sei; oder ob er schließlich, manche neueren Tendenzen ad absurdum führend, eine Symphonie komponierte und es auch durchsetzte, daß sie in Londons modernstem Konzertsaal aufgeführt wurde: eine Symphonie, in der die wichtigste Stimme für Staubsauger geschrieben war.

Den Älteren ist sie wohlvertraut, und auch wir kannten sie allzugut in den Jahren 1939 bis 1945: diese blödsinnige Situation, daß jemand, den man noch so deutlich neben sich spürt, auf einmal nicht mehr da ist. Biologisch ist alles klar – und doch bleibt da ja wohl ein Rest, an den wir uns schwer und ungern gewöhnen.

Wie sagte Gerard, als wir uns das letzte Mal verabschiedeten: Mach dir keine Sorgen; wir sehen uns demnächst wieder – You needn’t worry; see you later.

See you later, Gerard. Leo