Sein schmales, langes Gesicht wirkt verschlossen, fast abweisend: dünnlippiger Mund, energisches Kinn, kühle Augen. Es ist das Gesicht eines Mannes, der scharf zu beobachten vermag, der präzise denken kann und sich aufs Schweigen versteht. Ein Schatten unwirscher Ungeduld liegt aber seinen Zügen, ein Anflug von Hochmut auch.

Seine Gegner – und er hat viele – nennen Charles E. Bohlen gern ein „hochnäsiges, spottsüchtiges Ekel“. Selbst seine Freunde – und auch deren hat er viele – geben zu: „Chip ist nicht eben der Typ des jovialen, schulterklopfenden Amerikaners.“ Doch die Freunde sind sich einig – er ist „der beste Mann für den Job“ – für den Posten des Sonderberaters für Sowjetfragei im amerikanischen Außenministerium, den der 55jährige Diplomat in den nächsten Wochen antreten wird.

Wie 1953, ehe Bohlen zum US-Botschafter in Moskau, ernannt wurde, hat es auch jetzt im Senat zu Washington wieder hitzige Kontroversen um ihn gegeben. Diesmal ließ Eisenhower es nicht darauf ankommen: Bohlen erhielt einen Posten, in dem er der Bestätigung durch den Senat nicht bedarf. Er wurde nicht Leiter der erst im Juni eingerichteten Rußlandabteilung des State Departments (bisher gab es dort nur eine allgemeine Osteuropa-Abteilung mit einer Unterabteilung für die Sowjetunion), sondern „Special Assistant“ des Außenministers. Als Sonderberater Herters für sowjetische Angelegenheiten wird Chip Bohlen endlich wieder an einem Platz stehen, an dem sich die amerikanische Diplomatie seine besonderen Talente zunutze machen kann.

Bohlen ist, seitdem sich George F. Kennan auf seine Professur in Princeton zurückzog, ohne Zweifel der führende Sowjetexperte des amerikanischen Auswärtigen Dienstes. Dreißig Jahre lang, seit der Bankierssohn aus Clayton 1929 als frischgebackener Bachelor of Arts der Havard-Universität in den diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten trat, hat er sich unablässig mit Scwjetproblemen beschäftigt. Damals gehörte er mit Kennan zu jener Gruppe junger Leute, die sich in Erwartung der baldigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf Rußland spezialisierten.

Vizekonsul in Prag, dann in Paris, das waren Bohlens erste Stationen. Böse Zungen behaupten, an der Seine habe er in den Nachtklubs der russischen Emigranten mehr Russisch gelernt als beim Sprachstudium an der Sorbonne. Auf jeden Fall beherrschte er die Sprache bald fließend – „wie ein Moskowiter“, attestierte ihm später Stalins Dolmetscher Pawlow. In russischer Geschichte, Literatur und Philosophie war er gleich gut beschlagen wie im zähen Stoff der marxistisch-leninistischen Ideologie. Als Washington 1934 Beziehungen zum Kreml aufnahm, ging er mit George Kennen an die Moskauer Botschaft: Er wurde dritter Legationssekretär,

Von 1937 bis 1940 diente er an. der Moskwaals zweiter Legationssekretär und zeitweise als Konsul. Nach einem zweijährigen fernöstlichen Zwischenspiel – zweiter Legationssekretär in Tokio, wo er nach Pearl Harbor sechs Monate interniert war – kehrte er. nach Washington zurück und wurde zum Leiter der Osteuropa-Abteilung befördert, war vorübergehend erster Legationssekretär in Moskau, später Berater für osteuropäische Angelegenheiten und Verbindungsmann zwischen State Department und White House.

In den letzten Kriegsjahren wurde Bohlen „entdeckt“. Er begleitete Außenminister Hull 1943 zur Moskauer Konferenz. Als einziger Diplomat nahm er damals an sämtlichen Treffen der Großen Drei teil: Teheran, Jalta, Potsdam. Er war in Dumbarton Oaks und in San Franzisko, und er fehlte 1946, 1947 und 1949 bei keiner Außenministerkonferenz. Rund 4000 Stunden, so schätzt er, hat er in diplomatischen Gesprächen mit den Sowjets zugebracht. So genau kannte er seine russischen Pappenheimer, daß er einmal auf einer UN-Tagung dem amerikanischen Chefdelegierten zuflüsterte: „Jetzt wird Gromyko gleich sein Veto einlegen und voller gespielter Entrüstung den Sitzungssal verlassen.“ Genauso kam es...