Von M. Beheim-Schwarzbach

Was Siegfried Lenz erzählt, zeichnet sich – neben anderen Vorzügen – in der Regel durch erstaunliche Sachkenntnis aus. Die genaue Vertrautheit mit einem Fach oder Milieu, worin ein Autor seine Handlung spielen läßt, die Beherrschung seines Schauplatzes bis tief in seine intimen Details und Tricks hinein, so daß er sich mit der vollendeten Sicherheit des Fachmannes darin ergeht, macht gut und gern die Hälfte, der Gediegenheit eines Kunstwerkes aus, namentlich wenn dieses ein Buch ist; und die Hälfte, das ist schon sehr viel.

Das bisherige Erzählwerk dieses Autors wimmelt von Stoffen und Motiven, die zu verraten scheinen, daß sie sich mit einem Hobby von ihm decken. Andererseits, das ist doch wohl schwerlich möglich. Angeln, ja, gut, das zählt zu den Passionen, die er praktisch ausübt. Tauchen, schön, er hat im Krieg einen Taucherkurs mitgemacht, aber sehr viel Erfahrung kann er wohl nicht gut als Taucher haben, auch nicht Freude und freiwillige Praxis darin, schon gar nicht im dreckigen Elbschlamm. Mit Mau-Mau-Meuchlern ist er meines Wissens nie zusammengewesen, auch nicht mit deren Opfern, auch nicht mit sardinischen Carabinieri noch mit alaskischen Büffel- und Bärenjägern; und nie hat man ihn so laufen gesehen, wie er eigentlich müßte laufen können, um dieses Buch zu schreiben –

Siegfried Lenz: „Brot und Spiele“, Roman? Verlag Hoffmann und Campe; 281 S., 13,80 DM.

Es ist also der Roman eines Sportsmannes, eines Langstreckenläufers, einer jener modernen Erscheinungen, die nicht mehr um ihr Leben laufen, sondern um Rekorde zu brechen und davon zu leben; die dieses eine können und sonst nichts, deren Existenz also auf Kampf und Angst beruht.

Ein höchst aktueller Vorwurf, vorausgesetzt, daß man seine intimeren Begleitumstände beherrscht; und, wie ich schon eingangs sagte, pflegt es Siegfried Lenzens Besonderheit zu sein, Stoffe aufzugreifen, die man aus dem Effeff beherrschen muß, um sie aufgreifen zu dürfen, will man sich nicht blamieren.