Die Zeiten sind lange vorbei, da Nehru, Nasser und Tschu En-lai einander in Bandung unverbrüchliche Koexistenz-Treue schworen. Längst ist es auch nur noch eine blasse Erinnerung, daß Rotchina den Ägyptern während der Suezkrise 250 000 rotchinesische Freiwillige zum Kampf gegen den „westlichen Imperialismus“ anbot. Nehru hat sich über Tibet und der Grenzfrage mit China zerstritten, und jetzt ist Gamal Abdel Nasser zum offenen Gegner der Pekinger Mandarine geworden.

Anlaß des Zerwürfnisses war eine Äußerung, die Chaled Bagdasch, der Führer – der verbotenen Kommunistischen Partei Syriens, auf einem der Jubiläumsempfänge in der chinesischen Hauptstadt tat. Syrien werde – so sagte er – heute noch von der ägyptischen Bourgeoisie in Zusammenarbeit mit den anglo-amerikanischen Imperialisten regiert, aber eines Tages werde der Kommunismus doch in der ganzen arabischen Welt triumphieren.

Der anwesende Geschäftsträger der Vereinigten Arabischen Republik verließ daraufhin ostentativ den Saal und boykottierte fortan die Jubiläumsfeierlichkeiten; Kairo legte beim Pekinger Außenministerium einen förmlichen Protest gegen Bagdaschs Äußerungen ein. Vorläufig wird auch der VAR-Botschafter nicht nach China zurückkehren. Mao hat seinen Kairoer Missionschef gleichfalls „zur Berichterstattung“ nach Hause beordert.

Die scharfe Kairoer Reaktion wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die Rote Fahne, die ideologische Zeitschrift der chinesischen KP, schon im April heftige Angriffe gegen Nasser richtete. Sie verglich ihn mit Tschiang Kai-schek und warnte: „Eine antisowjetische und antikommunistische Haltung wird niemals zu einem guten Ende führen.“

Kairo schluckte die Beleidigung damals hinunter. Jetzt aber meint Nasser offenbar, daß der harte „chinesische“ Flügel der irakischen KP in Bagdad die Oberhand über den gemäßigten „sowjetischen“ Flügel gewonnen habe (die Hinrichtung der dreizehn Nationalistenführer wird darauf zurückgeführt). Auch scheint er zu glauben, die Chinesen wollten durch eine Verstärkung ihrer Hilfe an die rebellierenden Algerier ihrem Kommunismus in Nordafrika eine Einflußsphäre verschaffen. Jetzt also setzt Nasser sich energisch zur Wehr.

Vom Bandung-Geist ist denn nur noch wenig zu spüren. Dagegen hat es der feurige Atem des chinesischen Drachen in den letzten Tagen vermocht, die Achse Tito-Nasser-Nehru wieder fester zusammenzuschweißen als seit Jahren. Th. S.