Neue Methoden der Analyse unternehmerischer Entscheidungen

Von Gerhart E. Reuss

Immer wieder begegnet man der paradoxen Erscheinung, daß betriebliche Probleme „der unteren Ebene“ mit wissenschaftlichen Methoden relativ leicht zu analysieren sind, während sich die wirklich unternehmensstrategischen Entscheidungen einer wissenschaftlichen – gar mathematischen – Beschreibung zu entziehen scheinen. Eine Stoppuhr und eine gewisse Fachausbildung genügen z. B. oft, um Arbeitsvorgänge innerhalb eines Betriebes zu rationalisieren. Handelt es sich dagegen um die Errichtung eines neuen Werkes, um die langfristige Investitionsplanung oder um die Marketing-Strategie des Unternehmens, so hört anscheinend die Berechenbarkeit der Vorgänge auf, da so viele Unsicherheiten und Imponderabilien auftreten, daß eine standardisierte Lösung der Probleme unmöglich ist.

Auf höherer Ebene gilt es, auf unvollständiger Information bauend das Wesentliche zu erfassen. Wahrscheinlich hat ein amerikanischer Unternehmensberater recht, der kürzlich sagte: Jede Entscheidung, die auf Grund lückenloser Information und gestützt auf umfangreiche Statistiken getroffen wird, hätte schon vor Jahren getroffen werden sollen!“ Es wird immer mehr zum Erfordernis vorausschauender unternehmerischer Entscheidungen, logische Rahmenwerke zu schaffen, die dazu helfen, die vorhandenen Daten sinnvoll zusammenzustellen und auszuwerten.

Dabei können mathematische Methoden dazu verwendet werden, wirtschaftliche Probleme systematisch zu durchleuchten. In jüngerer Zeit wurden verschiedene solcher Untersuchungsverfahren vorgeschlagen (siehe „Operations Research“, ZEIT Nr. 31 vom 31. Juli 1959). Eine dieser Disziplinen ist die Lineare Programmierung, die in einem späteren Beitrag dargestellt werden soll. In der militärischen Planung setzte sich daneben seit dem letzten Kriege eine Betrachtungsweise durch, die dort eine eminente Bedeutung gewann: die sogenannte Spieltheorie. Welches sind die Grundzüge dieser Theorie und wo findet sie Anwendung?

Militärische Bedeutung

Gesellschaftsspiele werden dadurch charakterisiert, daß es mehrere Spieler gibt. Jeder Spieler verfolgt sein eigenes Interesse und kann außerdem den Ausgang des Spiels nur teilweise beeinflussen (man denke an Poker, Bridge, Mühle usw.). Im Gegensatz dazu unterscheidet man Glücksspiele, bei denen das Ergebnis lediglich vom Zufall abhängt und wo für eine große Anzahl gleicher Spiele statistische Wahrscheinlichkeitsangaben über das Ergebnis möglich sind (z. B. Hochwerfen einer Münze, Roulette usw.). Diese statistischen Aussagen übrigens – dies wird oft mißverstanden – gelten nur für eine große Zahl von Ereignissen, nicht aber für einzelne Vorgänge.