Von Erwin Topf

Der Konjunkturpolitiker unterscheidet sich vom Autofahrer unter anderem darin, daß dieser sieht, wann eine Kurve kommt, und rechtzeitig Gas wegnehmen kann, während jener es für einen groben Kunstfehler halten würde, bereits auf die bloße Vermutung hin, daß eine Kurve kommen könnte, vorsorglich zu bremsen. Die Folge ist, daß in der Konjunkturpolitik die Fahrgeschwindigkeit gewöhnlich erst dann verringert wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist, und daß dann beim Bremsen in der Kurve zusätzliche Gefahrenmomente auftreten. Dergleichen ist fast unvermeidbar, weil die Erscheinungen der Übernachfrage (wie man an Stelle des Modewortes „Überhitzung“ sagen sollte) zunächst nur in einigen Teilbereichen der Gesamtwirtschaft aufzutreten pflegen, es also keinen Indikator für eine allgemeine Übernachfrage gibt. Weshalb denn auch die Antwort auf die Frage, ob schon Anlaß zu einem Abbremsen gegeben ist, jeweils von der Beurteilung der Gesamtsituation abhängt, das heißt stets subjektiv bedingt ist.

Nun ist in der gegenwärtigen Situation sehr wohl das Urteil möglich, daß die Überbeschäftigung, die zunächst speziell in der Bauwirtschaft aufgetreten und dann allgemein geworden ist, bereits das Symptom einer generellen Übernachfrage sei. Ähnliches meinte wohl auch Professor Erhard, als er davon sprach, daß die Konjunktur bei uns bereits im Mai „in allen Nähten krachte“. Wird dieses Urteil als richtig unterstellt, dann wäre es vermutlich jetzt, sechs Monate später, hohe Zeit, mehr im Sinne einer „Fahrtverminderung“ zu tun als bisher schon geschehen ist: nämlich in Form von recht platonisch gebliebenen Mahnungen an Bund, Länder und Gemeinden, ihre Bauvorhaben zeitlich zu strecken, und außerdem in der mehr psychologisch als materiell wirksamen leichten Diskontheraufsetzung der Bundesbank (die allerdings spürbare Konsequenzen für die Übernachfrage auf den Aktienmärkten gehabt hat).

Aber offenbar ist es zur Zeit unpopulär, irgendwelche weiteren Konsequenzen aus der vermutlich auch jetzt – nach der sommerlichen Urlaubspause – noch zutreffenden Lage-Beurteilung zu ziehen, wonach „die“ Konjunktur „aus allen Nähten zu platzen droht“. Es überwiegt vielmehr die Tendenz, die Dinge möglichst nicht zu dramatisieren – wie man sagt, wobei freilich immer die Gefahr besteht, sie zu verharmlosen.

Das geschieht weitgehend übereinstimmend in vielen Konjunkturbetrachtungen, wie sie zur Quartalswende vorgelegt zu werden pflegen, etwa mit folgenden Sentenzen:

1. noch zeigen die Preise keine steigende Tendenz,

2. die – zum mindesten im Vergleich zu 1958 – recht beträchtliche Zunahme der Inlandaufträge dient vornehmlich zur Auffüllung der Lagerbestände, während